Der Golem – Zwischen Mythos, Schutz und Verantwortung

Im Reich der Mythen und Legenden, wo Realität und Fantasie ineinanderfließen, steht der Golem als Symbol für das jüdische Volk, für Schutz und zugleich für Knechtschaft – ein von Menschenhand geschaffenes Wesen. Diese Figur entstammt der reichen Folklore Mittel- und Osteuropas und wird aus Erde, Lehm oder Schlamm geformt. Nicht durch natürliche Prozesse, sondern durch komplexe religiöse und magische Rituale wird sie zum Leben erweckt – ein Ausdruck von Einfallsreichtum und Verzweiflung jener, die ihre Gemeinschaften in Zeiten existenzieller Bedrohung schützen wollen.

Der Begriff „Golem“ leitet sich vom hebräischen gelem ab, was so viel wie „Rohmaterial“ oder „ungeformte Materie“ bedeutet. Der Golem wird meist als riesenhafte Tonfigur mit menschlicher Gestalt dargestellt. Trotz seiner körperlichen Stärke mangelt es ihm an Intelligenz – er kann lediglich einfache Anweisungen ausführen.

Rabbi Loew
Rabbi Loew erschafft den Golem

Sein Äußeres ist ebenso beeindruckend wie unheimlich: eine hoch aufragende Gestalt, deren lehmener Körper mit mystischen Zeichen und hebräischen Buchstaben bedeckt ist. Besonders bedeutsam ist das Wort „emet“ – Wahrheit –, das ihm Leben verleiht. Wird jedoch der erste Buchstabe entfernt, bleibt nur „met“ – Tod –, wodurch der Golem in seinen ursprünglichen Zustand, den leblosen Lehm, zurückkehrt. Diese Umkehrbarkeit ist nicht nur ein magisches Detail, sondern ein Symbol für die Vergänglichkeit allen Geschaffenen.

Obwohl der Golem fest in der jüdischen Tradition verwurzelt ist, existieren auch in anderen Kulturen ähnliche Motive. In der griechischen Mythologie etwa erschafft Pygmalion eine Statue, in die er sich verliebt, und die zum Leben erwacht. In der hinduistischen Überlieferung erschafft der Gott Vishnu in Gestalt von Narasimha ein golemartiges Wesen, um einen Dämon zu bezwingen. Solche Parallelen zeigen, wie tief verwurzelt die Vorstellung vom künstlich geschaffenen Leben im kollektiven Menschheitsbewusstsein ist – und wie stark der Golem die Fantasie über Generationen hinweg inspiriert hat, von Legenden über Literatur bis hin zu Film und moderner Kunst.

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Der Urknall des Mediums: Jack Kirby

Über einen Künstler, der das Superheldengenre mehrfach neu erfand. Sein Einfluss ist inzwischen so tiefgreifend, dass er selbst unsichtbar geworden ist.

Die Lower East Side und das Überleben als Schule

Jacob Kurtzberg wurde am 28. August 1917 als Sohn österreichisch-jüdischer Einwanderer im Elend der New Yorker Lower East Side geboren. Die Welt, in der er aufwuchs bestand aus dicht bevölkerten Mietskasernen, Straßengangs und der täglichen physischen Gewalt des Alltags in Armut. Das Bewusstsein, dass Amerika zwar das gelobte, aber auch ein hartes und gleichgültiges Land war, hat sich direkt Direktheit in seine Vorstellungskraft eingeschrieben. Sein gesamtes Werk ist davon durchzogen. Kirby hat nie vergessen, woher er kam. Und er hat nie aufgehört, die Energie dieser Herkunft in Bilder zu übersetzen, die etwas von diesem ursprünglichen Überlebensdrang enthalten.

Jack Kirby
Credit: Suzy Skaar

Aus pragmatischen Gründen nannte er sich ab den frühen 1940ern Jack Kirby. Das taten viele andere jüdisch-amerikanische Künstler seiner Generation ebenfalls. Sie betrachteten angloamerikanische Namen als Eintrittskarte, weil die Industrie jeden Hauch von Fremdheit bestrafte. Diese Namensänderung ist ein kleines, aber signifikantes Detail. Kirby begann seine Karriere mit der Erkenntnis, dass er sich anpassen musste, aber dennoch seine Individualität bewahren konnte. Sein ganzes Leben lang hat er daran gearbeitet, sich immer weiter zu verbessern, bis sein Stil so gut wurde, dass man ihn nicht mehr von anderen unterscheiden konnte.

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Chris Claremont & die politische Imagination des Superheldencomics

Suffolk, New York und die Herkunft eines politischen Auges

Christopher Simon Claremont wurde am 25. November 1950 in Bury St Edmunds, Suffolk, England, geboren und immigrierte als Kind mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Das Gefühl, fremd zu sein, sollte sein ganzes späteres Werk prägen. Er wuchs in New York auf, studierte am Bard College und arbeitete in den 1970er Jahren als Redaktionsassistent bei Marvel Comics. 1975 übernahm er die Serie Uncanny X-Men, die damals nicht mehr gut lief. Doch er schrieb sie bis 1991, ohne eine Pause zu machen. Das ist in der Geschichte des amerikanischen Seriencomics fast ohne Beispiel

Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026
Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026

Um die Tragweite dieser Leistung zu verstehen, muss man wissen, wie es um die X-Men stand, als Claremont 1975 die Serie übernahm. 1963 von Stan Lee und Jack Kirby begründete wurde die Serie nach zwölf Jahren eingestellt, da sie sich nicht verkaufte. Sie erschien nur noch in Reprint-Heften. Die Figuren – Cyclops, Marvel Girl, Iceman, Beast und Angel – waren freundliche, generische Teenager, deren mutante Andersartigkeit kaum mehr als ein dramaturgisches Mittel war. Claremont übernahm, im wahrsten Sinne des Wortes, eine tote Serie und verwandelte sie in das kulturell bedeutsamste Superheldencomic des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts.

Claremont hatte kein Talent fürs Zeichnen, weil er ausschließlich Autor war. Auch technisch war er nicht besonders versiert. Aber erbrachte eine politische Vorstellung mit und ein Gespür dafür, dass die Geschichte der X-Men eine Allegorie der amerikanischen Bürgerrechtsgeschichte ist.

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Harley Quinn – Vom Fandom erschaffen

Eine Nebenrolle, die dann die Hauptrolle übernahm

Arleen Sorkin
Arleene Sorkin; Foto von Emerson College Archives and Collections.

Harley Quinn ist die einzige Figur dieser Dokumentationsreihe, die in einer Zeichentrickserie für Kinder debütierte, was entscheidend für ihre Identität ist. Als Paul Dini und Bruce Timm sie im September 1992 für Batman: The Animated Series schufen, brauchten sie für die Episode Joker’s Favor eigentlich nur eine weibliche Assistentin des Jokers. Eine Nebenfigur. Einen Witz. Harley Quinn sollte nur in einer Episode auftreten.

Allerdings war die Resonanz so unmittelbar und eindeutig, dass sie wiederkehrte, denn nicht nur das Publikum mochte sie, auch Dini und das ganze Produktionsteam fanden gefallen an ihr. Es dauerte nicht lange, da wurde sie zur Hauptfigur und schließlich zum Publikumsphänomen. Dini und Timm erkannten ihr Potenzial und bauten es aus. Sie verpassten Harleen Quinzel eine Vergangenheit als Psychiaterin am Arkham Asylum, eine gefährliche Obsession für ihren berühmtesten Patienten und eine einzigartige Stimme: Arleen Sorkins Interpretation wurde das akustische Fundament der Figur und ihre Energie und Wärme überstiegen in jeder Folge mit Leichtigkeit den geschriebenen Text.

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Die Macht des Ortes in gotischen Settings

Man mag sich fragen, was das Geheimnisvolle an einer gotischen Umgebung ausmacht, eine gewisse Empfänglichkeit für das Schöne der Vergänglichkeit vorausgesetzt. Es ist das Zusammenspiel von Licht und Schatten, das Flüstern des Unbekannten und die uralte Anziehungskraft von Gebäuden, die den Lauf der Zeit erlebt haben und in denen jeder Stein ein Geheimnis birgt. Die sich abzeichnenden Strukturen, das ferne Heulen und die nebelverhangene Luft schaffen eine Umgebung voller Spannung, und es ist diese Vorahnung, die den Betrachter anzieht und ihn nach mehr verlangen lässt, nach der Entschlüsselung der verborgenen Schichten.

Manderley
Manderley
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Silver Surfer – Norrin Radd von Zenn-La

Ungeplant

Fantastic Four #50

Die Entstehung des Silver Surfer ist eine der schönsten Schöpfungsgeschichten des amerikanischen Comics, weil es nämlich keine gab. Jack Kirby zeichnete im Frühjahr 1966 die dreiteilige Galactus-Geschichte für Fantastic Four #48–50. Plötzlich, ohne Absprache mit Stan Lee und ohne entsprechende Anmerkung im Skript, erschien auf einer Seite eine neue Figur. Ein silberfarbenes, nacktes Wesen auf einem kosmischen Surfbrett, das durch die Sterne reitet und dem unvorstellbar mächtigen Galactus vorausgeht wie ein Herold dem König. Als Lee das fertige Artwork öffnete und die Figur sah, war er, nach eigener Aussage, sofort überwältigt.

Kirby erklärte später, dass der Herold als dramatisches Konzept notwendig war. Galactus brauchte jemanden, der seine Ankunft ankündigt und zwischen dem Kosmischen und dem Menschlichen vermittelt. Warum dieser Herold jedoch genau so aussah – also silbern, glatt, und ohne Gesicht im eigentlichen Sinne, auf einem Brett wie ein einsamer Surfer auf einem Ozean ohne Ufer, kam aus einer Intuition, die Kirby nicht in Worte fassen konnte. Es war das Bild, das einfach entstehen musste. Und es war von Anfang an mehr als nur eine Nebenfigur.

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The Flash – Geschwindigkeit ist alles

The Flash
Jay Garrick, © DC

Obwohl er nicht zur berühmten Trias BatmanSuperman und Wonder Woman gehört, ist der Flash insgeheim die wichtigste Figur im DC-Universum. Und das hat nichts mit Geschmack zu tun. Natürlich gibt es immer Geschichten, die nicht den persönlichen Vorlieben entsprechen, aber über die Bedeutung der Figur wird wohl niemand ernsthaft diskutieren wollen. Sie war die treibende Kraft hinter so vielen Innovationen und Markenzeichen, die heute fester Bestandteil des DC-Universums und der Comicwelt insgesamt sind. Es ist durchaus legitim und möglich, die Geschichte der DC-Comics (und in geringerem Maße auch die der Mainstream-Superheldencomics) mit dem roten Blitz als Maßstab darzustellen.

Der Flash erschien im Januar 1940 als dritter der bekanntesten DC-Charaktere im Goldenen Zeitalter der Comics. Er wurde nach Batman, aber kurz vor Green Lantern geschaffen. Außerdem war er ein ganz anderer Charakter als der, den man aus der aktuellen Flash-Comicserie oder sogar aus der Fernsehserie kennt (auf die wir weiter unten eingehen werden). Der erste Flash war ein Typ namens Jay Garrick.

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Absolute Superman

Absolute Superman #1
© DC, gez. von Rafa Sandoval

Superman wurde 1938 von zwei jüdischen Söhnen aus Cleveland erfunden, die wussten, was es bedeutet, fremd zu sein in einem Land, das einem nicht immer wohlgesonnen ist. Ihr Superman war ein Immigrant, der die Sprache des Landes noch nicht kannte, aber für die kleinen Leute gegen korrupte Politiker, skrupelose Fabrikbesitzer und Kriegstreiber kämpfte. Sieht man sich heute einmal um, dann muss dieser Kampf als verloren gelten. Vielleicht wurde Superman deshalb über die Jahrzehnte zu etwas anderem, zum Amerikanischen Traum in Person. Die Krawatte vor dem Hemd, die Brust nach vorne, die Flagge im Hintergrund. Die Immigranten-Wurzeln verschwanden hinter einer recht verlorgenen Glorie. Jerry Siegel und Joe Shuster hätten ihren Helden garentiert kaum wiedererkannt.

Jason Aaron hat Superman zurückgeholt. Mit Absolute Superman, ( erscheint seit November 2024 bei DC), erzählt er jene Geschichte, die Siegel und Schuster 1938 meinten, aber angepasst an die Gegenwart. Das Ergebnis ist das beste Superman-Comic seit vielen Jahrzehnten. Und es ist auch das unbehaglichste.

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Geoff Johns und die Kunst der mythologischen Rückgewinnung

Die Schule des Sehens

Geoff Johns
Geoff Johns 2011

Geoff Johns wurde 1973 in Detroit, Michigan, geboren. Er wuchs in einer Umgebung auf, die das amerikanische Industriezeitalter in seinem Niedergang verkörperte. Seine Herkunft hat sich nicht so direkt in sein Werk eingeschrieben wie etwa die so genannten Troubles in Belfast bei Garth Ennis oder die Geschichte Northamptons bei Alan Moore. Detroit ist also kein eigentlich mythologisches Koordinatensystem in Johns‘ Comics. Möglicherweise aber hat das Aufwachsen in einer Stadt, die um ihre eigene Identität kämpft sein Gespür dafür geschärft, was verloren gehen kann und was es bedeutet, sich dagegen zu wehren.

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The Human Target

Ein Mann ohne Gesicht — der jedermann sein kann

Action Comics #419 - Human Target
Action Comics #419, Auszug, DC

Das Konzept von Human Target ist so brillant, dass man sich fragt, warum nicht schon früher jemand drauf gekommen ist. Ein Bodyguard schützt seinen Klienten, indem er dessen Identität annimmt, mit allem, was dazugehört, und tritt an dessen Stelle, bis der Angriff erfolgt. Christopher Chance überlebt diesen Anschlag. Der Klient ist gerettet.

Len Wein und Carmine Infantino brachten diese Prämisse 1972 in Action Comics #419 zum ersten Mal zu Papier. Die Geschichte war von einer Direktheit, die das Konzept sofort tragfähig machte. Es ging um einen Helden ohne feste Identität, dessen Superkraft die vollständige Verwandlung ist. Seine Gabe ist die des Schauspiels, gepaart mit Empathie und der Fähigkeit zur Selbstauflösung. Das machte ihn zum interessantesten Bodyguard im DC-Universum und gleichzeitig zur philosophisch kompliziertesten Figur unter den scheinbar unkomplizierten Actionhelden seiner Ära.

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