The Phantom Stranger

Ein Fremder tritt ein — und erklärt sich nicht

 1952 in Phantom Stranger #1, DC
1952 in Phantom Stranger #1, DC

Es gibt nur sehr wenige Comicfiguren, bei denen nicht die Verpackung, sondern das Produkt selbst das Rätsel ist. Phantom Stranger ist die vollständigste dieser Figuren. Seit 1952 gleitet dieses Wesen durch das DC-Universum, schaut in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung, mahnt, warnt und greift gelegentlich ein, ohne je zu erklären, wer oder was es ist. Die Frage nach seiner Identität ist nicht unbeantwortet, weil die Autoren sie vergessen hätten. Sie ist unbeantwortet, weil die Antwort die Figur zerstören würde.

Sein Erstauftritt im September 1952 in Phantom Stranger #1, geschrieben von John Broome und gezeichnet von Carmine Infantino, war vergleichsweise bescheiden: ein geheimnisvoller Mann im weiten Umhang und breitkrempigen Hut, der in kurzen Horrorgeschichten eingriff und jeweils am Ende die moralische Pointe lieferte. Das Format erinnerte an die EC Comics und die Tradition des allwissenden Erzählers, doch Broome und Infantino gaben diesem Erzähler einen Körper, eine Präsenz und eine schwer zu beschreibende Schwere, die ihn von Anfang an zu mehr machten als zu einem dramatischen Hilfsmittel.

Die ursprüngliche Serie umfasste nur sechs Ausgaben, dann wurde sie eingestellt. Dass Phantom Stranger zwanzig Jahre später zurückkehrte und seither zu den dauerhaftesten Begleitfiguren des DC-Universums gehört, ist eine jener Comicgeschichten, die zeigen, wie wenig die kommerzielle Erstperformance mit der langfristigen Bedeutung zu tun hat.

Das Format von 1952

Broome, Infantino — und die Autoren, die ihn formten

Phantom Stranger Omnibus, DC

John Broome ist einer der am meisten unterschätzten Autoren des Silbernen Zeitalters. Er schrieb in den 1950er- und 1960er-Jahren für DC Comics mit einer Produktivität und konzeptuellen Freiheit, die ihn zu einem der stillen Mitarchitekten des DC-Universums machten. Hal Jordan als Green Lantern, Barry Allen als The Flash und zahlreiche Schurken und Konzepte tragen seine Handschrift. Für Phantom Stranger schuf er eine Figur, die durch Auslassung funktioniert. Was der Fremde nicht sagt, was er nicht erklärt, was er nicht zeigt – das ist Broomes eigentliche Konstruktionsleistung.

Carmine Infantino, einer der elegantesten Zeichner seiner Generation, gab dem Stranger sein visuelles Fundament: den langen dunklen Umhang, den tief in die Stirn gezogenen Hut, die Andeutung eines Gesichts im Schatten. Infantinos Linie hatte eine Präzision und eine Flüchtigkeit zugleich; seine Figuren schienen immer kurz davor, aus dem Panel zu treten oder darin zu verschwinden. Für Phantom Stranger war das die perfekte Sprache.

Die entscheidende Weiterentwicklung der Figur geschah jedoch unter anderen Händen, vor allem unter denen von Mike Friedrich, Dennis O’Neil, Jim Aparo und später Alan Moore und Neil Gaiman, die dem Stranger in Gastauftritten und Kurzgeschichten eine theologische und philosophische Tiefe gaben, die Broomes ursprüngliche Anlage weit überstieg.

Wer ist er wirklich? — Vier Antworten, alle gleichzeitig wahr

Das Seltsamste und Schönste an Phantom Stranger ist eine Designentscheidung, die so unkonventionell ist, dass sie nur im Comic funktionieren könnte: Im Jahr 1987 erschien in Secret Origins #10 ein Heft, das vier voneinander unabhängige Herkunftsgeschichten für den Stranger präsentierte, geschrieben von vier verschiedenen Autoren, gezeichnet von vier verschiedenen Zeichnern, und alle vier bewusst als gleichzeitig möglich präsentiert, ohne eine davon als kanonisch auszuzeichnen.

Version I · Len Wein

Der Ewige Jude

Phantom Stranger ist der Wandernde Jude, jener Mann aus der christlichen Legende, der Jesus auf dem Kreuzweg verspottete und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt die Schuld einer unbedachten Grausamkeit durch alle Zeiten.

Version III · Mike W. Barr

Der Selbstmörder

Er war ein gewöhnlicher Mensch, der in einem Moment der Verzweiflung sein Leben beendete, und als Buße dafür verdammt wurde, den Lebenden zu helfen und sie vor ähnlichen Entscheidungen zu bewahren. Die dunkelste und menschlichste Version.

Version II · Paul Levitz

Der gefallene Engel

Er war ein Engel, der sich im Krieg zwischen Himmel und Hölle für keine Seite entscheiden konnte. Als Strafe für seine Neutralität — oder Weisheit — wurde er zur ewigen Wanderschaft zwischen den Welten verurteilt.

Version IV · Alan Moore

Vor der Zeit

Er existierte bereits vor der Schöpfung des Universums, ein Überbleibsel eines früheren Kosmos, das in diesem Universum keinen Platz hat und das deshalb durch es hindurchgeht, ohne je wirklich dazuzugehören. Die kosmischste und befremdlichste Lesart.

Diese Entscheidung, vier Ursprünge gleichzeitig anzubieten und keine davon zu privilegieren, ist konzeptuell einer der mutigsten Schritte, den DC je unternommen hat. Sie sagt dem Leser: Die Herkunft ist nicht der Punkt. Das Rätsel ist der Punkt. Eine Figur, die von jemandem, der die Legende des Wandernden Juden kennt, als Buß-Engel gelesen werden kann, und von jemandem, der den Faust-Mythos liebt, als kosmisches Überbleibsel. Diese Figur ist größer als jede einzelne ihrer Erklärungen.

Vier Herkunftsgeschichten, alle wahr, keine privilegiert: Das ist das tiefste Verständnis davon, was Phantom Stranger ist: ein Spiegel für die Fragen, die man an ihn heranträgt.

Stranger, Spectre, Zauriel — das Gericht des DC-Universums

Im DC-Universum gibt es eine informelle Hierarchie des Übernatürlichen, und an ihrer Spitze steht eine Dreiheit, die man mit einiger Berechtigung als die theologische Regierung des Universums beschreiben kann: The Spectre, der Geist der Rache Gottes: ein Wesen von apokalyptischer Macht, das Sünder vernichtet und das Gleichgewicht durch Bestrafung herstellt. Zauriel, der gefallene Engel und Beschützer. Und Phantom Stranger, der zwischen beiden steht — beobachtend, führend, mahnend.

Diese Dreiheit ist eine der interessantesten theologischen Konstruktionen, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat, auch wenn sie nie als theologisches Projekt deklariert wurde. The Spectre steht für das alttestamentarische Prinzip der vergeltenden Gerechtigkeit. Zauriel steht für das neutestamentarische Prinzip der vermittelnden Gnade. Phantom Stranger ist das, was dazwischen bleibt: die Frage selbst, das Schweigen zwischen Urteil und Gnade, die Stimme, die weder verurteilt noch freispricht, sondern zeigt.

The Presence

Die Autoren, die ihn am tiefsten sahen

Secret Origins #10
Secret Origins #10, DC

Nicht die langen Serien haben Phantom Stranger seine literarische Würde gegeben, sondern die kurzen, präzisen Eingriffe der besten Autoren des Mediums. Alan Moore schrieb in Secret Origins #10 eine atemberaubende, kosmologisch kühne Herkunftsgeschichte: Phantom Stranger ist ein Wesen, das vor dem Urknall existierte, ein Überbleibsel eines Universums, das nicht mehr ist. Diese Version hat eine Kälte und eine Einsamkeit, die an die großen Science-Fiction-Erzählungen über kosmische Einsamkeit erinnern; an Clarke, an Stapledon, an das Gefühl, in einem Universum zu existieren, das nicht für die eigene Art von Existenz vorgesehen ist.

Neil Gaiman verwendete den Stranger in The Books of Magic (1990) als einen der vier mysteriösen Führer, die den jungen Timothy Hunter durch die Welt der Magie geleiten. In Gaimans Händen ist Phantom Stranger ein perfekter Charakter: Er erklärt nicht, er zeigt nur. Er urteilt nicht, er beobachtet. Er ist der ideale Führer durch eine Welt, die größer ist als das Verständnis, weil er selbst ein Wesen ist, das größer ist als das Verständnis und trotzdem Würde bewahrt.

Was beide Autoren verstanden und was die meisten kommerziellen Phantom-Stranger-Geschichten verfehlen, ist ein simples Prinzip: Die Figur trägt kein Geheimnis bei sich, das enthüllt werden will. Sie ist das Geheimnis. Der Unterschied ist fundamental.

Der Rationalist als Spiegelbild — das klügste Gegenstück des Genres

Eine der klügsten Entscheidungen in der Geschichte der Phantom-Stranger-Geschichten war die Einführung von Dr. Terry Thirteen, auch bekannt als Dr. 13 oder Ghost-Breaker. Er ist ein Debunker paranormaler Phänomene, der in einer Welt lebt, in der diese real sind, sie aber beharrlich als Betrug oder Einbildung erklärt. Dr. 13 ist der häufigste Begleiter des Phantom Strangers und gleichzeitig sein konzeptuelles Gegenteil.

Dr. 13
DC

Was diese Paarung so elegant macht: Dr. 13 hat auf seine Weise recht. In einem rationalen Universum wären seine Erklärungen korrekt. Dass er in einem Universum lebt, in dem dies nicht der Fall ist, und trotzdem nicht aufhört, sie zu liefern, zeugt von entwaffnender Konsequenz. Er ist der Leser, der an einem Comic über das Übernatürliche zweifelt, während er ihn liest. Er ist der Rationalist in einer theologischen Erzählung, der niemals bekehrt und niemals umgestimmt werden kann.

Phantom Stranger behandelt Dr. 13 mit einer Geduld, die an Mitleid grenzt, dabei ist er jedoch nie herablassend. Er weiß, was Dr. 13 nicht weiß. Er zeigt es ihm jedoch nie direkt. Diese Zurückhaltung ist das moralische Kernstück der Figur: Phantom Stranger glaubt nicht an Überredung. Er ist der Meinung, dass jedes Wesen seinen eigenen Weg zur Wahrheit finden muss – oder auch nicht.

Was passiert, wenn man die Antwort gibt

Das kurze Experiment der New-52-Ära, bei dem Phantom Stranger eine feste Herkunft erhielt, ist lehrreich, weil es demonstriert, was mit der Figur passiert, wenn man diese Frage beantwortet. Dan DiDios Soloserie aus dem Jahr 2012 entschied sich für die Judas-Interpretation: Phantom Stranger ist Judas Iskariot, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt buchstäblich dreißig Silberlinge als Kette um den Hals.

Das ist eine starke Idee, und sie ist trotzdem gescheitert, vielleicht sogar gerade deshalb. Denn eine Herkunftsgeschichte zu wählen, bedeutet auch, die anderen zu verwerfen. Es bedeutet, aus einem Spiegel einen Gegenstand zu machen. Der Judas-Stranger hat eine Psychologie, eine Schuld und einen spezifischen religiösen Kontext, und verliert damit genau das, was ihn für Leser aller Hintergründe zugänglich machte: die Offenheit, die Nicht-Festgelegtheit und das Potenzial, für jeden etwas anderes zu bedeuten.

Die New-52-Interpretation ist inzwischen als eine von vielen möglichen zurückgetreten. DC hat, wie so oft nach einem Neustart, die Ambiguität stillschweigend wiederhergestellt. Phantom Stranger trägt keine dreißig Silberlinge mehr. Er trägt wieder sein Rätsel.

Der Fremde als Funktion — was das Genre an ihm braucht

Im DC-Universum erfüllt Phantom Stranger eine Funktion, die keine andere Figur übernehmen könnte. Er ist die Instanz, die Geschichten ermöglicht, die größer sind als ihre Figuren. Wenn ein Held an die Grenzen seiner Welt stößt, wenn die Fragen für Batman zu groß, für Superman zu alt und für die Justice League zu dunkel werden, dann erscheint Phantom Stranger und öffnet eine Tür. Er erklärt nichts. Er zeigt. Er warnt. Und er geht wieder.

Das ist eine narrativ unverzichtbare Rolle und nur wenige Figuren in der Comicgeschichte erfüllen sie so gut. Im Vergleich zu ähnlichen Figuren, wie dem Uatu, dem Watcher aus dem Marvel-Universum, der ebenfalls beobachtet, ohne einzugreifen, hat der Phantom Stranger eine entscheidende Eigenheit: Er greift gelegentlich doch ein. In Momenten höchster Dringlichkeit, in denen die Entscheidung eines Menschen das Gewicht eines Zeitalters trägt, handelt er. Diese Unregelmäßigkeit macht ihn beunruhigender als einen reinen Beobachter – und menschlicher.

Die Figur leistet außerdem eine Verankerung des DC-Universums in einer echten theologischen Tradition. Während Marvel seinen kosmischen Hintergrund eher wissenschaftlich-spekulativ hält – Galactus ist eine Naturgewalt, aber kein Gott – operiert DC seit jeher mit einem religiösen Unterbau. Dieser wird durch Figuren wie Phantom Stranger, The Spectre und The Presence artikuliert. Das verleiht dem Universum eine mythologische Schwere, die es von seinem Konkurrenten unterscheidet. Phantom Stranger ist der subtilste Ausdruck dieser Schwere.

Die Stille zwischen den Worten

Phantom Stranger ist nach über siebzig Jahren immer noch das, was er immer war: ein Fremder. Er hat keinen bürgerlichen Namen, kein Zuhause, keine Familie, keine abgeschlossene Herkunftsgeschichte. Er hat einen Umhang, einen Hut und eine Präsenz, die jeden Raum verändert, den er betritt. Das ist, für ein Medium, das von Identitäten und Ursprungsgeschichten lebt, eine bemerkenswert kühne Verweigerung.

Was diese Verweigerung so produktiv macht: Sie gibt der Figur eine Offenheit, in die jeder Autor seine eigenen theologischen, philosophischen und moralischen Fragen hineintragen kann. Für Alan Moore ist er kosmische Einsamkeit. Für Neil Gaiman ist er der perfekte Führer durch das Unbekannte. Für Len Wein ist er menschliche Schuld und Buße. Für den Leser, der keine dieser Referenzen kennt, ist er einfach ein Fremder im weiten Mantel, der erscheint, wenn die Nacht am tiefsten ist.

John Broome erschuf 1952 sechs Hefte lang einen geheimnisvollen Erzähler und dachte dabei wahrscheinlich nicht an Theologie, Kosmologie oder literarische Tradition. Was er schuf, war trotzdem all das. Manche Figuren wachsen über ihre Schöpfer hinaus, weil sie eine Leerstelle besetzen, die das Medium gebraucht hat, ohne es zu wissen. Phantom Stranger ist die reinste Form dieser Figuren.

Er tritt ein. Er warnt. Er geht. Er kehrt wieder. Und er erklärt sich nicht.

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Er war vor dem Anfang. Er wird nach dem Ende sein. Dazwischen geht er durch unsere Geschichten, und gibt ihnen eine Tiefe, die sie alleine nicht hätten.

Nachbemerkung des Autors: Phantom Stranger ist in dieser Reihe die radikalste Figur, weil sein eigentliches Konzept die Verweigerung von Konzept ist. Während alle anderen Figuren dieser Dokumentation, von Poison Ivy bis Catwoman, durch ihre Transformation über Jahrzehnte interessant wurden, ist Phantom Stranger von Anfang an fertig. Er braucht keine Entwicklung, weil Entwicklung eine Richtung voraussetzt, und er hat keine Richtung, nur eine ewige Gegenwart zwischen den Geschichten anderer.

Brian Michael Bendis und die Revolution der Comicsprache

Cleveland und der Weg durch den Noir

Brian Michael Bendis

Brian Michael Bendis wurde 1967 in Cleveland, Ohio, geboren, einer Stadt, die in der amerikanischen Kulturgeographie eine besondere Bedeutung hat. Rustbelt, Nachkriegsverfall, das langsame Ausfasern industrieller Gewissheiten, und gleichzeitig eine jüdische Gemeinschaft, deren Kulturleben eine eigene Dichte und Wärme besitzt. Diese Herkunft ist in Bendis‘ Werk ebenso deutlich erkennbar wie die Bronx in Stan Lees Tonfall oder Belfast in Garth Ennis‘ Nüchternheit: eine Bodenhaftung, ein Sinn für das Konkrete sowie eine Abneigung gegen das Abstrakt-Heroische, die seinen Zugang zum Superhelden-Genre von Beginn an prägten.

Bevor Bendis zum Marvel-Mainstream gelangte, schrieb und zeichnete er in den frühen und mittleren 1990er Jahren eine Reihe von Noir-Comics in Schwarzweiß, die in ihrer Qualität weit über das hinausgehen, was man als Frühwerk eines späteren Mainstream-Stars erwarten würde. Fire, Jinx, Goldfish und vor allem Torso (1998–2000, mit Marc Andreyko), eine dokumentarische Rekonstruktion des Eliot-Ness-Falls um den Mad Butcher of Kingsbury Run, einen Serienmörder im Cleveland der 1930er-Jahre. Es handelt sich um Werke, die formal und inhaltlich in der Tradition des amerikanischen Crime-Noir stehen. Sie zeigen, dass Bendis‘ späteres Handwerk auf einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Kriminalgenre und seiner Bildsprache beruht.

Mad Butcher of Kingsbury Run, Ausschnitt

Der Einfluss von David Mamet prägt diese frühen Werke am stärksten: Der amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor veränderte mit seiner abgehackten, überlappenden, sich selbst unterbrechenden Dialogsprache eine Generation von amerikanischen Erzählern. Mamet hat gezeigt, dass Menschen selten das sagen, was sie meinen, und selten zu Ende bringen, was sie anfangen. Der eigentliche Inhalt eines Gesprächs liegt demnach in den Pausen, den Abschweifungen und den halbfertigen Sätzen. Bendis hat diese Lektion so gründlich verinnerlicht, dass sein gesamtes späteres Werk als ein einziges Experiment in Mamet’scher Comicdialektik gelesen werden kann.

Ultimate Spider-Man — Die Neuerfindung des Anfangs

Ultimate Spider-Man
Marvel Must-Have

Ultimate Spider-Man (Marvel, ab 2000, gezeichnet von Mark Bagley) ist das Werk, mit dem Bendis in den amerikanischen Comic-Mainstream eintrat, und es ist in seiner Konzeption eine der klügsten Entscheidungen, die ein Comicautor in den frühen 2000er-Jahren treffen konnte. Das im Jahr 2000 von Marvel lancierte Ultimate-Universum bot die Gelegenheit, die veralteten Kontinuitäten des Hauptuniversums hinter sich zu lassen und die ikonischsten Figuren neu zu erzählen, und zwar als grundlegende Neufassung für eine Generation von Lesern, die von der über die Jahrzehnte aufgetürmten Comicgeschichte abgeschreckt wurde.

Bendis nutzte diese Gelegenheit mit einer Sorgfalt und erzählerischen Geduld, die für Superheldencomics der frühen 2000er Jahre ungewöhnlich waren. Während Stan Lee und Steve Ditko Peter Parkers Ursprungsgeschichte in einer einzigen Ausgabe erzählten, nahm sich Bendis sieben Hefte dafür Zeit. Dieser Verlangsamung lag eine Methode zugrunde: Sie erlaubte es Bendis, Peter Parker als Adoleszenten zu entwickeln und dessen innere Realität – die Unsicherheit, der soziale Ausschluss, die Gleichzeitigkeit von Brillanz und Hilflosigkeit – mit einer emotionalen Genauigkeit zu zeigen, die das Original nie angestrebt hatte, da sie dort nicht benötigt wurde. Stan Lee schrieb den Mythos. Bendis schrieb Coming-of-Age.

Die Zusammenarbeit von Mark Bagley und Brian Michael Bendis ist in ihrer Länge und Kontinuität im amerikanischen Comic einzigartig: Gemeinsam produzierten sie 111 aufeinanderfolgende Ausgaben, was bis heute unübertroffen ist. Diese Beständigkeit dokumentiert die Bestform einer kreativen Partnerschaft, von der beide Seiten profitierten. Bagleys klarer, expressiver Stil mit einem Sinn für Bewegungssequenzen, der die Energie von Spider-Mans Akrobatik einfängt, ohne die Seiten zu überfrachten, verleiht Bendis‘ dialogschweren Skripten eine visuelle Lebendigkeit, die weniger talentierten Zeichnern nicht möglich wäre. Auch hier gilt, was für so viele Werke dieser Essay-Reihe gilt: Das Comic ist ein kollaboratives Medium und ein Autor ist nur so gut wie seine Partner.

Ultimate Spider-Man lief mit wechselnden Zeichnern bis 2011. Sein Abschluss, in dem Peter Parker stirbt und durch Miles Morales ersetzt wird, ist selbst ein bedeutsamer kulturgeschichtlicher Moment: die erste große, dauerhaft angelegte Übernahme einer ikonischen Superheldenidentität durch eine nicht-weiße Figur im amerikanischen Mainstream-Comic. Dies wurde mit einer narrativen Würde vollzogen, die das Symbolische und das Erzählerische gleichermaßen bediente.

Daredevil, Alias und der Weg zum Erwachsenen-Comic

Marvel

Parallel zu Ultimate Spider-Man arbeitete Bendis an Daredevil (Marvel, 2001–2006, mit verschiedenen Zeichnern, am häufigsten Alex Maleev), ein „Run“, der in der Fachkritik einhellig als einer der stärksten in der Geschichte des Titels gilt und bei dem Bendis seine Fähigkeiten als Erzähler erwachsener, moralisch komplexer Geschichten unter Beweis stellte. Bendis‘ Daredevil ist weniger ein Aktionsheld als ein Mann, der in einer Spirale von Konsequenzen gefangen ist: Jede Entscheidung zieht die nächste nach sich und jeder Versuch, Kontrolle herzustellen, erzeugt neue Unordnung.

Die Enthüllung von Matt Murdocks Geheimidentität war ein erzählerisches Wagnis von erheblichem Ausmaß und das zentrale Sujet des Runs: Im Superheldencomic ist die Geheimidentität eine konventionelle Schutzzone, ein narrativer Reset-Knopf, der immer wieder betätigt werden kann. Bendis machte die Enthüllung jedoch permanent und zog alle Konsequenzen daraus: rechtliche Verfolgung, soziale Isolation und die Erosion der Grenze zwischen dem Helden und seinen Feinden. Das ist die reinste Form von Bendis‘ Methode: Genre-Tropen aufgreifen, sie ernst nehmen und dann nicht mehr loslassen, bis alle Konsequenzen ausgeschöpft sind.

Zur Frage des Dialogs

Marvel MAX

Alias (Marvel/MAX, 2001–2004, gezeichnet von Michael Gaydos) ist Bendis’ eigenständigstes und in seiner Konsequenz mutigstes Werk dieser Phase. Die Serie erzählt die Geschichte der pensionierten Superheldin Jessica Jones, die als Privatdetektivin arbeitet und mit einer traumatischen Vergangenheit kämpft. Alias erschien im MAX-Imprint, Marvels Label für Erwachsene, und nutzte diese Freiheit für eine Sprache und eine inhaltliche Direktheit, die im Hauptuniversum nicht möglich gewesen wären. Die Figur der Jessica Jones ist Bendis‘ tiefgründigste Schöpfung: ein Mensch, der die Konsequenzen von Gewalt und Kontrollverlust trägt, ohne in die Heroik des Überstehens zu verfallen. Gaydos‘ Zeichenstil ist düster, körnig und in einer Farbpalette gehalten, die mehr an den Film Noir als an den Superheldencomic erinnert, und damit die ideale visuelle Entsprechung für eine Geschichte, die im Schatten des Genres spielt statt in seinem Rampenlicht.

New Avengers und die Umgestaltung des Marvel-Universums

Mit Avengers Disassembled (2004) und der nachfolgenden New Avengers-Serie (ab 2004) übernahm Bendis eine Rolle, die in der Geschichte des amerikanischen Comics selten vergeben wird und selten gut ausgeht: die des verantwortlichen Architekten eines Verlagsuniversums. Als Chefautor der Marvel-Veröffentlichungen prägte er von 2004 bis 2012 die Struktur des Marvel-Universums durch die großen Event-Serien House of M, Civil War (in Zusammenarbeit mit Mark Millar), Secret Invasion, Dark Reign und Siege.

Diese Phase ist die komplizierteste in Bendis‘ Karriere, und das aus einem Grund, der mit der Natur der Aufgabe zusammenhängt. Das Event-Comic ist eine Form, die den individuellen Erzähler systematisch überfordert. Es bietet keinen Raum für Charaktertiefe, für Dialogkunst oder die erzählerische Geduld, die Ultimate Spider-Man und Alias auszeichnen. Es ist ein industrielles Produkt, dessen Hauptfunktion die Koordination von Dutzenden Titeln und die Generierung von Verkaufszahlen ist, eine Aufgabe, die handwerkliche Kompetenz verlangt, aber keine künstlerische Exzellenz erlaubt.

Zur Spannung zwischen Bendis‘ Autorenambition und der Logik von Event-Comics

Bendis in seinen Event-Jahren ist wie ein Jazzmusiker, dem man eine Marschkapelle hingestellt hat. Er kann die Noten spielen, aber die Instrumente lassen das Eigentliche nicht zu.

New Avengers #1, Marvel

Das bedeutet jetzt nicht automatisch, dass diese Phase ohne Verdienste wäre. Die frühen Ausgaben der New Avengers waren ein einmaliges Lesevergnügen wegen der Neuaufstellung des Avengers-Teams mit unerwarteten Mitgliedern, mit Witz und der Energie der Figurendynamik sowie der Bereitschaft, das Team als dysfunktionale Familie statt als reibungslos funktionierende Einheit zu behandeln. Bendis‘ Umgang mit Figuren wie Luke Cage und Spider-Woman verlieh ihnen eine Lebendigkeit und eine Tiefe, die sie im vorherigen Marvel-Universum nicht besessen hatten. Und Secret Invasion — trotz seiner strukturellen Überlastung als Event-Comic — enthält im Kern eine wirklich paranoide Idee: Was, wenn die Feinde seit Jahren unter euch sind und ihr habt sie nie erkannt?

Die Event-Phase ist aber auch der Zeitraum, in dem der „Bendis-Speak” – ein Begriff, den Kritiker für seinen charakteristischen Dialogstil geprägt hatten – von einer Beschreibung zu einem Vorwurf wurde. Wenn ein Stil so weit verbreitet ist, dass er den Tonfall eines gesamten Verlagsuniversums prägt, verliert er seine Kraft als individueller Ausdruck und wird zum atmosphärischen Hintergrundrauschen. Das ist das strukturelle Paradox des Erfolgs im Comicbusiness: Je einflussreicher ein Autor wird, desto stärker verwässert sich sein Einfluss durch seine eigene Allgegenwärtigkeit.

Der Wechsel zu DC und die Frage der Erneuerung

2017 vollzog Bendis einen Schritt, der in der Comicbranche für Schlagzeilen sorgte: Nach fast zwei Jahrzehnten bei Marvel wechselte er zu DC Comics. Der von beiden Seiten als Sensation angekündigte Exklusivvertrag war ein Novum. Derartige Wechsel zwischen den beiden großen amerikanischen Comicverlagen sind selten, da beide Verlage ihre Starautoren mit Exklusivverträgen binden. Zudem sind die Erwartungen, die damit verbunden sind, kaum einlösbar.

Bendis‘ DC-Phase, in der er zunächst Action Comics und Superman übernahm und dann das Event Leviathan-Projekt koordinierte, verlief ambivalenter als seine Marvel-Jahre. Er schrieb zwar nicht schlechter, aber der Wechsel setzte Erwartungen frei, die ein Neuanfang eigentlich immer erzeugt. Zudem stellt die Figur Superman andere Anforderungen als Spider-Man oder Jessica Jones. Superman ist Mythologie im reinsten Sinne: Er verlangt eine gewisse Haltung zur Welt, eine positive Vision des Menschlichen, die nicht ohne Anpassung an Bendis‘ fundamentale erzählerische Intuition bedient werden kann, nämlich die Beobachtung des Scheiterns und die Geduld mit dem Unvollständigen.

Kontext – Die DC-Phase

2021 kehrte Bendis zu Marvel zurück. Das war ein Schritt, der seine DC-Phase als Exkurs markiert und zugleich die Frage aufwirft, die über jedem reifen Autorenwerk hängt. Wie erneuert man sich, wenn der eigene Stil so prägend geworden ist, dass er das Publikum sowohl anzieht als auch abstößt? Diese Frage ist bei Bendis letztlich noch nicht beantwortet. Er ist unter den Autoren dieser Essay-Reihe der einzige, dessen Karriere sich in einem aktiven Suchprozess befindet.

Die Philosophie — Sprache als Demokratie

Unter den hier betrachteten Autoren vertritt Bendis die demokratischste ästhetische Grundüberzeugung: Er ist der Meinung, dass jede Figur eine Stimme verdient, Dialog das eigentliche Medium des Superhelden-Comics ist und das echte, unaufgeräumte, sich widersprechende menschliche Gespräch die höchste Form ist, in der Comics Wahrheit erzeugen können. Diese Überzeugung entspringt einer tiefen Wertschätzung für das Gewöhnliche. Bendis ist kein Kosmologe wie Grant Morrison, kein Moralist wie Garth Ennis und kein Romantiker wie Scott Snyder. Er ist ein Beobachter des alltäglichen menschlichen Miteinanders, und seine Superhelden sind am interessantesten, wenn sie aufhören, mythologisch zu sein, und anfangen, menschlich zu reden.

Diese Überzeugung hat kulturgeschichtliche Konsequenzen, die über das Medium Comic hinausreichen. Bendis war zusammen mit Brian K. Vaughan derjenige, der dem amerikanischen Superheldencomic der frühen 2000er-Jahre eine eigene Sprache gab, die sich an der Filmsprache orientierte, ohne diese zu imitieren. In dieser Sprache tragen Timing, Tonfall und das Ungesagte ebenso viel wie das Gesagte. Diese Sprache hat das Comicschreiben der letzten zwei Jahrzehnte stärker beeinflusst als jedes einzelne Werk. Sie hat eine Generation von Autoren hervorgebracht, die alle ein bisschen wie Bendis klingen, was zugleich seine Stärke und Bürde ist.

Die Dimension seines Werkes, darunter die Freude am Argument, an der Frage und am unabgeschlossenen Gespräch, wird selten explizit thematisiert, ist aber durchgehend spürbar. Bendis‘ Figuren lösen Probleme nicht allein durch Handeln, sondern sie diskutieren sie, umkreisen sie und nähern sich ihnen aus verschiedenen Perspektiven. Diese Gesprächskultur ist eine Weltanschauung, nämlich die Überzeugung, dass das Gespräch selbst der Punkt ist, an dem Wahrheit entsteht und nicht durch die Stille danach.

Erbe — Eine Sprache, die bleibt

Das Erbe von Brian Michael Bendis ist schwer zu benennen, da es sich nicht in einem Kanon von Meisterwerken niederschlägt, sondern in einer Sprache. Er hat dem amerikanischen Superheldencomic tatsächlich das Sprechen gelehrt, mit einer Geduld für den Dialog und einer Würde für das Gewöhnliche, wie sie in diesem Genre zuvor kaum zu finden war. Diese Leistung ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen wird, wie jede Sprache, die man gelernt hat, ohne es zu merken.

Zu den Werken, die in Erinnerung bleiben werden, zählen Ultimate Spider-Man in seiner frühen Phase als Pionier des Coming-of-Age-Superhelden-Comics, Alias als die kompromissloseste Erkundung des Traumas im Superheldenkontext und Daredevil als Beweis, dass Konsequenz – das unerbittliche Aufzeigen von Handlungsfolgen – im Superheldencomic nicht nur möglich, sondern zwingend nötig sein kann. Hinzu kommt Miles Morales als kulturgeschichtlich bedeutsame Schöpfung, deren Relevanz die Comicseiten längst überstiegen hat.

Was nicht bleibt (oder zumindest nicht ohne kritischen Vorbehalt) ist die Event-Phase: jene Jahre, in denen Bendis‘ Stimme die Marvel-Welt so vollständig ausfüllte, dass sie aufhörte, eine individuelle Stimme zu sein, und zu einem institutionellen Tonfall wurde. Das ist das Schicksal mancher großer Talente: zu erfolgreich zu sein, um unverwechselbar zu bleiben. Bendis hat dieses Schicksal mit einer bezeichnenden Produktivität akzeptiert: Er hat nie aufgehört zu schreiben und zu suchen, und er sucht noch immer. Das ist am Ende eine Form von Integrität, die sich von der eines Alan Moore oder Garth Ennis unterscheidet, aber nicht weniger echt ist. Es ist die Integrität des Gesprächs, das nicht enden will.

Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens

New York, Literatur und die Herkunft der Dunkelheit

Scott Snyder wurde 1976 in New York City geboren und wuchs in einer Umgebung auf, die ihn zu einem der literarisch am stärksten sozialisierten Comicautoren seiner Generation machen sollte. Er studierte Kreatives Schreiben an der Brown University und der Columbia University und gab mehrere Jahre lang Schreibkurse. Diese akademische Laufbahn ist in der Biografie seiner Vorgänger nicht zu finden und prägt sein Werk auf eine für das Genre ungewöhnliche Weise: Snyder denkt über das Schreiben nach, systematisch und theoretisch, und bringt diese Reflexion in seine Comics ein, ohne dass sie je akademisch kalt wirkt.

Scott Snyder

Seine literarischen Einflüsse sind klar erkennbar und werden von ihm selbst großzügig benannt. Vor allem Stephen King, aber auch Shirley Jackson, Flannery O’Connor und der amerikanische Gothic-Naturalismus. Diese Strömung der US-Literatur behandelt das Böse weniger als Fremdkörper in einer im Grunde guten Welt, dafür aber als etwas, das in der Erde verwurzelt ist, in der Geschichte und in der DNA des Ortes. Diese Verwurzelung des Bösen in einer spezifischen Geographie und Geschichte ist Snyders eigentliche Obsession. Sie ist der Grund, warum seine Comicwerke, auch wenn sie in der DC-Mythologie oder im Superhelden-Genre angesiedelt sind, immer das Gefühl einer echten, gelebten Bedrohung erzeugen statt einer abstrakten.

Snyders Einstieg ins Comic-Universum erfolgte über den Vertigo-Verlag mit der Horrorserie American Vampire (ab 2010, gezeichnet von Rafael Albuquerque), einem Werk über die Geschichte amerikanischer Vampire von den Goldrausch-Dekaden bis ins 20. Jahrhundert. Was auf den ersten Blick wie eine Genre-Übung wirkt, ist in Wirklichkeit eine ambitionierte Kulturgeschichte: Snyder nutzt den Vampirmythos als Seismograf für den amerikanische Traum – seine Gewalt, seine Gier und seine Fähigkeit zur Erneuerung. Stephen King selbst schrieb die ersten Ausgaben mit. Das war eine Geste der Anerkennung von einem Autor, dem Snyder mehr verdankt als jedem anderen.

Batman – Die Stadt als Monster

DC

Snyders Arbeit an Batman (DC Comics, 2011–2016, hauptsächlich gezeichnet von Greg Capullo) ist der kommerziell und kritisch erfolgreichste Batman-Run seit Frank Millers Dark Knight Returns, und in seiner konzeptionellen Anlage dessen direktes Gegenstück. Während Miller Batman als autoritären Rächer inszeniert, der die Dunkelheit durch überlegene Gewalt bezwingt, stellt Snyder die Frage fundamentaler: Was ist die Dunkelheit überhaupt? Kann man sie erkennen? Und was passiert mit einem Menschen, der glaubt, sie zu kennen, und sich dabei irrt?

Die erste große Erzählung des „Runs“, The Court of Owls (2011–2012), ist ein Meisterwerk der psychologischen Horrorliteratur im Comicformat. Der Rat der Eulen ist eine geheime Aristokratie, die Gotham seit Jahrhunderten im Verborgenen regiert. Sie sind die erschütterndste Idee eines Schurkenkonzepts, die das Batman-Universum seit Jahrzehnten hervorgebracht hat. Nicht etwa, weil sie übernatürlich mächtig oder physisch bedrohlich wären, sondern weil ihre Existenz Batmans fundamentale Überzeugung zerstört, dass er Gotham vollständig kennt. Batman hat als Kind jeden Winkel der Stadt durchsucht, auf der Suche nach Beweisen für eine geheime Gesellschaft, und nie etwas gefunden. Jetzt stellt sich heraus: Sie war immer da. Er hat schlicht nicht tief genug geschaut.

Zur konzeptionellen Struktur von The Court of Owls, 2011–2012

Die formale Umsetzung dieser Idee ist für die Comicgeschichte bemerkenswert. Als Batman in den Katakomben des Owls-Labyrinths gefangen ist, was in einem mehrseitigen Handlungsbogen dargestellt wird, der zu den intensivsten des Runs zählt, kippt das Raster aus neun Panels auf den Seiten langsam, sodass die Lesenden das Heft drehen müssen, um der Handlung zu folgen. Diese Desorientierung überträgt die psychologische Auflösung des Protagonisten auf die Lesenden. Das ist die präziseste formale Übersetzung eines psychologischen Zustands, die Snyders „Run” bietet. Damit ist bewiesen, dass er das Medium als solches denkt und nicht etwa als illustrierten Prosatext.

Zur Kollaboration

Der zweite große Handlungsbogen, Death of the Family (2012–2013), bringt den Joker zurück, und Snyders Konzeption des Jokers ist die interessanteste seit Alan Moores The Killing Joke, obwohl sie in eine vollständig andere Richtung geht. Moores Joker ist ein philosophischer Nihilist, während Snyders Joker etwas Älteres, Irrationales ist: eine Kraft, die glaubt, Batmans wahre Familie zu sein – tiefer und ehrlicher als seine leiblichen Geschwister und Verbündeten. Die Idee, dass der Feind der Einzige ist, der einen wirklich kennt, ist erschütternd präzise. Sie fügt der jahrzehntelangen Mythologie dieser Feindschaft eine psychologische Dimension hinzu, die sie tatsächlich erweitert statt lediglich zu wiederholen.

Die Horrorliteratur als Heimat

Um Snyders Werk vollständig zu verstehen, muss man seine in Interviews konsequent vertretene Haltung zum Genre ernst nehmen: Für Snyder ist Horrorliteratur keine Unterabteilung des Eskapismus, sondern die direkteste Form der Wahrheit. Das Grauen, das gute Horrorliteratur erzeugt, ist das Instrument, mit dem die Angst aus dem Unbewussten ins Bewusstsein gehoben wird, um sie artikulierbar, betrachtbar und verhandelbar zu machen. Diese Überzeugung teilt er mit Stephen King, von dem er sie vermutlich in großen Teilen übernommen hat. Sie erklärt auch, warum seine besten Werke immer dann am stärksten sind, wenn Superheldenmythologie und Horrorstruktur am engsten verwoben sind.

Image Comics

Diese Überzeugung hat spezifische Konsequenzen für die Art und Weise, wie Snyder Schurken konstruiert. In den schwächsten Superheldencomics ist der Schurke lediglich als eine Funktion gedacht, ein Mechanismus zur Erzeugung von Konflikten, dessen Innenleben irrelevant ist. In Snyders besten Werken ist der Schurke hingegen das, wovor der Held sich am meisten fürchtet: nämlich eine Wahrheit, die er über sich selbst noch nicht akzeptiert hat. Der Rat der Eulen verkörpert Batmans Angst, nicht allwissend zu sein. Der Joker in Der Tod der Familie ist Batmans Angst, dass sein Heroismus eine Form von Selbstbetrug ist. Diese Psychologisierung des Antagonisten ist im Genre nicht neu, aber Snyder führt sie mit einer Konsequenz durch, die selten ist.

Wytches (Image Comics, 2014–2015, gezeichnet von Jock) ist Snyders reinster Horrortitel außerhalb des Superhelden-Genres und zeigt seine schriftstellerischen Möglichkeiten am unverblümtesten: Es ist die Geschichte einer Familie, die vor ihrer Vergangenheit flieht und in eine Gemeinschaft gerät, die mit alten, unterirdischen Wesen im Pakt steht. Die Hexen in Wytches sind etwas Urtümliches, Organisches, das aus der Erde selbst kommt. Ihr Horror liegt nicht in ihrer Macht, sondern in der Willigkeit der Menschen, andere Menschen an sie zu verfüttern, um selbst Vorteile zu erlangen. Das ist klassische amerikanische Horrorliteratur: das Böse als sozialer Vertrag, und nicht als äußere Invasion.

Metal und die kosmologische Eskalation

Dark Nights: Metal (DC, 2017–2018, gezeichnet von Greg Capullo) und das nachfolgende Dark Nights: Death Metal (2020–2021) markieren eine Phase in Snyders Karriere, die in der Fachkritik kontrovers diskutiert wurde und die eine ehrliche Betrachtung erfordert. Beide Werke sind das direkteste Dokument von Snyders Fähigkeiten und Grenzen als großer Erzähler, nirgendwo sonst sind diese beiden Pole so sichtbar wie hier.

Das Konzept von Metal ist von archetypischer Wucht: Ein dunkles Multiversum existiert jenseits der bekannten Realität und ist bevölkert von albtraumhaften Versionen des DC-Universums – Versionen, in denen Superhelden ihre schlimmsten Ängste personifizieren. Batmans Angst vor dem Tod manifestiert sich in einem Batman, der unsterblich ist. Seine Angst vor dem Versagen manifestiert sich in einem Batman, der aus Versagen gebaut wurde. Diese Idee, das Böse als die dunkle Seite der Hoffnung, als das Negativbild des Heroischen, ist echte Mythologie, und Snyder entwickelt sie mit einer Energie, die an Grant Morrisons kosmologische Ambitionen erinnert.

Was Metal von Morrisons besten Arbeiten unterscheidet, ist das Verhältnis von Konzept und Ausführung. Morrison neigt dazu, konzeptionelle Dichte um ihrer selbst willen zu betreiben. Da türmen sich Ideen auf, und die Lesenden müssen Schritt halten oder aufgeben. Snyder hat den entgegengesetzten Instinkt. Er will verstanden werden, er will emotionale Zugänglichkeit bewahren und zieht nicht die Zugbrücke hoch. Das ist eine Tugend, die in vielen Passagen von Metal zu echter erzählerischer Freude führt. Es ist jedoch auch eine Tendenz, die an manchen Stellen in Überschwang umschlägt: zu viele Ideen, zu viele Charaktere und zu viel Eskalation, ohne dass es einen erzählerischen Ruhepunkt gibt, der das Vorhergegangene sinken lässt.

Das lässt sich auch als strukturelles Problem benennen. Snyder ist ein Autor des intensiven, fokussierten Erzählens, der seine stärksten Werke in der Miniserie und im konzentrierten „Run” produziert. Wenn er jedoch in die Logik des Event-Comics, also des auf maximale Marktpräsenz ausgelegten Großereignisses, das das gesamte Verlagsuniversum einschließt, gezogen wird, verliert er einen Teil jener Kontrolle, die seine besten Arbeiten auszeichnet. Metal ist ein faszinierendes, überwältigendes, manchmal erschöpfendes Werk; und es ist bezeichnend, dass die Passagen, in denen es am stärksten ist, genau jene sind, in denen Snyder auf Kammermusik umschaltet: die kleinen Szenen zwischen zwei Figuren, die Momente der Stille im Spektakel.

Nocterra, Wytches und die Beständigkeit der Dunkelheit

Snyders beste Arbeit außerhalb der großen Verlagsuniversen ist möglicherweise sein aufschlussreichstes Werk. Nocterra (Image Comics, ab 2021, gezeichnet von Tony S. Daniel) ist eine postapokalyptische Horrorgeschichte, in der die Sonne erloschen ist und die Dunkelheit die Menschen in Monster verwandelt. In seiner Grundprämisse zielt das Werk so präzise auf Snyders Grundthema, dass es fast didaktisch wirkt. Was geschieht, wenn das Licht endet? Was trägt man in sich selbst, wenn die äußere Ordnung wegfällt?

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Die Antwort, die Nocterra gibt, ist nicht nihilistisch – das ist sie bei Snyder nie – , aber sie ist eben ehrlicher als als irgendein Zweckoptimismus: Wenn das Licht endet, bleiben die Entscheidungen bestehen, die man getroffen hat, bevor es dunkel wurde. Die Moral der Figuren wird durch die Apokalypse nicht enthüllt, aber geprüft, und diese Prüfung ist unerbittlich. Das ist klassische amerikanische Gothic-Topographie – das Böse als Test der inneren Substanz – in einem neuen, comicspezifischen Format.

Snyder ist außerdem einer der aktivsten öffentlichen Autoren des Mediums. Dank seines Podcasts, seiner Masterclasses und seiner Bereitschaft zur direkten Interaktion mit der Fangemeinde über soziale Medien genießt er eine Popularität und einen didaktischen Einfluss, die in der Comicbranche ungewöhnlich sind. Er erklärt sein Handwerk, benennt seine Einflüsse und räumt Fehler ein. Diese Transparenz ist nicht nur sympathisch, sondern hat auch eine kulturelle Funktion: Sie demokratisiert das Wissen über das Schreiben und trägt dazu bei, die nächste Generation von Comicautoren auszubilden, die das Medium ernster nehmen als ihre Vorgänger.

Angst als Empathie

Snyders Poetik lässt sich auf einen Kern reduzieren, den er selbst immer wieder in verschiedenen Formulierungen beschrieben hat. „Angst ist Empathie.” Die Fähigkeit, sich zu fürchten – für sich selbst, für andere oder für das, was man liebt – ist eben keine Schwäche, sondern die tiefste Form der Aufmerksamkeit. Ein Mensch, der nicht mehr fürchtet, ist nicht mehr wirklich präsent in der Welt. Diese Überzeugung erklärt, warum Snyders Schurken am stärksten sind, wenn sie das verkörpern, wovor die Helden Angst haben, statt nur äußere Hindernisse zu sein. Sie sind Seismographen des inneren Zustands.

Diese Philosophie hat eine unmittelbare politische Dimension, vor der Snyder nicht zurückschreckt. In Werken wie Metal und Nocterra ist die apokalyptische Bedrohung nie nur äußerlich, sondern immer auch eine Bedrohung, die aus menschlichem Versagen, kollektiver Blindheit und der Weigerung, rechtzeitig hinzusehen, entsteht. Das ist ein moralisch anspruchsvoller Ansatz, der Snyders Apokalypsen vor der Inhaltsleere bewahrt, die das Subgenre sonst häufig heimsucht. Das Ende der Welt ist bei Snyder nie unvermeidlich, sondern immer das Resultat von Entscheidungen und somit ein moralisches Feld.

Was Snyders Werk vom Pessimismus des klassischen Horrors unterscheidet und zugleich von der naiven Heroik konventioneller Superheldencomics trennt, ist eine Position, die sich am besten als kämpferischer Humanismus beschreiben lässt. Er glaubt an die Möglichkeit der Güte nicht trotz, sondern wegen der Dunkelheit. Wer die Dunkelheit wirklich kennt, ohne sie zu beschönigen, hat die einzige Voraussetzung erkannt, das Licht zu schätzen. Keine bequeme Philosophie, fürwahr. Sie ist jedoch aus dem Schreiben selbst entstanden, aus dem Studium des Horrors und seiner Funktion, und besitzt deshalb eine Glaubwürdigkeit, die bloße Affirmation nicht hätte.

Erbe – Der Romantiker im Schatten

Scott Snyder ist unter den Autoren dieser Essays über Autoren derjenige, bei dem Stärken und Grenzen am engsten miteinander verwoben sind. Seine Stärke, mythologische Strukturen mit psychologischer Tiefe und echter Zugänglichkeit zu verbinden, ist zugleich die Quelle seiner Gefährdung: die Neigung zum Spektakel, zur Eskalation und zum Zuviel, wenn der Rahmen groß genug ist. Er ist in konzentrierter Form am besten und in offener Form am wackeligsten. Das ist kein Urteil gegen ihn, aber eine Beschreibung eines Autors, der sein eigenes Maß noch nicht in jeder Situation vollständig gefunden hat.

Was bleibt – und was bleiben wird – ist ein Werk, das den Superheldencomic als Horrorliteratur ernst nimmt und damit beiden Genres etwas zurückgibt: dem Horror die mythologische Skala und dem Superheldencomic die emotionale Ehrlichkeit. The Court of Owls gehört zu den konzeptionell stärksten Batman-Erzählungen aller Zeiten. Wytches ist der Beweis, dass amerikanische Horrorliteratur im Comicformat ebenso stark sein kann wie in Prosaform. American Vampire ist eine ambitionierte Kulturgeschichte in Comicform, die ihren Platz im Genre-Kanon noch nicht vollständig errungen hat, ihn aber verdient.

Trotz allem ist Snyder ein Romantiker im präzisen literarischen Sinn: ein Autor, der an die Bedeutsamkeit der inneren Welt glaubt, der das Unsichtbare als das Eigentliche betrachtet und in der Angst ein Zeichen dafür sieht, dass man noch lebt und liebt. In einem Genre, das von äußerer Action lebt, ist das eine radikale Position. Und das ist der Grund, warum seine Werke stärker im Gedächtnis bleiben als ihre Handlungen: als Gefühle, als Temperaturen, als das Schaudern beim Umblättern der Seite in einem abgedunkelten Zimmer.