Spawn – Gegen Himmel und Hölle

EIN TOTER SOLDAT kehrt aus der Hölle zurück

Spawn #1.
Von Todd McFarlane.

Die Ursprungsgeschichte von Spawn zeichnet sich durch eine Direktheit aus, die im Superhelden-Genre selten zu finden ist: Albert Francis Simmons, Elitesoldat und CIA-Auftragsmörder, wird von seinem eigenen Vorgesetzten ermordet. Er landet in der Hölle. Er schließt einen Pakt mit dem Teufel, genauer gesagt mit Malebolgia, einem Fürsten aus Dantes Inferno, und kehrt als Spawn mit einem lebenden, symbiotischen Necroplasma-Kostüm und einer schwindenden Energie-Reserve zurück zur Erde. Er wollte seine Frau Wanda wiedersehen. Doch er findet eine Welt vor, die fünf Jahre ohne ihn weitergegangen ist: Wanda hat inzwischen seinen besten Freund Terry geheiratet. Und sein eigenes Gesicht ist zu einer verbrannten Maske geworden.

Emotional betrachtet ist das keine Superheldengeschichte. Es ist eine Tragödie. Er ist ein Mann, der alles verloren hat, was ihn ausmachte: Beruf, Identität, Körper, Geliebte, Zukunft. Nun muss er mit den Resten seines Lebens zurechtkommen. In Interviews hat Todd McFarlane immer wieder betont, dass Spawn von Anfang an eine zutiefst persönliche Figur war: die Verkörperung des Gefühls, von einem System benutzt und weggeworfen zu werden. Als jemand, der jahrelang Spider-Man bei Marvel gezeichnet hatte, ohne angemessene Rechte und Anerkennung zu erhalten, kannte McFarlane dieses Gefühl aus erster Hand.

Die Biografie im Kostüm

TODD McFARLANE und die Revolution von 1992

Todd McFarlane autor, zeichner und verleger

Einer der einflussreichsten Comiczeichner seiner Generation. Sein Spider-Man-Run Ende der 1980er setzte neue Standards für dynamische Zeichensprache und verkaufte sich in Millionenauflage. 1992 gründete er mit sechs anderen Marvel-Starzeichnern Image Comics, und Spawn wurde das Symbol dieser Unabhängigkeitserklärung.

Die sieben Rebellen image comics mitbegründer 1992

McFarlane, Jim Lee, Rob Liefeld, Marc Silvestri, Erik Larsen, Jim Valentino, Whilce Portacio. Sieben der meistverkauften Zeichner Marvels verließen gleichzeitig den Verlag. Es war der größte kreative Exodus in der Geschichte des amerikanischen Comics, und er veränderte die Machtverhältnisse der Branche dauerhaft.

Todd McFarlane
Todd McFarlane

Was Todd McFarlane als Zeichner auszeichnete und Spawn sofort unverwechselbar machte, war sein Verhältnis zum Raum, oder vielmehr zu dessen Abwesenheit. McFarlanes Panels sind Schlachtfelder aus Tinte: Spawns Umhang, das ikonischste visuelle Element der Figur, scheint zu wachsen, zu leben und die Seiten mit einer Dynamik zu füllen, die kein physischer Stoff je erreichen könnte. Der Umhang ist tatsächlich ein eigenständiger Charakter. Er reagiert auf Spawns Emotionen, greift an, schützt und huscht als dunkle Welle durch Hintergassen. McFarlane hatte bei Spider-Man gelernt, Bewegung zu zeichnen. Bei Spawn ließ er den Stoff selbst denken.

Für das Verständnis der Figur ist es wichtig zu wissen, dass McFarlane in den frühen Jahren auch der Autor von Spawn war, bevor er Schreiber wie Frank Miller, Alan Moore, Dave Sim und Neil Gaiman für Gastausgaben einlud. Die frühen Spawn-Hefte haben eine emotionale Rauhheit, die von einem Zeichner stammt, der seine Geschichte zum ersten Mal in Worte fasst und dabei keine literarische Ausbildung hat. Das wirkt manchmal holprig. Es ist aber auch ehrlicher als alles, was ein professioneller Comicautor geschrieben hätte.

DIE REVOLUTION die die Branche veränderte

Image Comics bedeutete im Jahr 1992 eine tektonische Verschiebung auf dem amerikanischen Comicmarkt. Seit Jahrzehnten hatten Marvel und DC ein duopolistisches System betrieben, in dem Zeichner und Autoren die Rechte an ihren Figuren immer beim Verlag ließen – egal, wie erfolgreich sie waren. Jack Kirby hatte Captain America, die Fantastic Four und die New Gods erschaffen und starb, ohne dafür angemessen kompensiert worden zu sein. Bill Finger hatte Batman miterfunden und wurde jahrzehntelang nicht einmal namentlich genannt. Dieses verächtliche System war so fest etabliert, dass es als Naturgesetz galt.

Als McFarlane und seine sechs Mitstreiter Image Comics gründeten, war das Grundprinzip radikal einfach: Jeder Schöpfer behält die Rechte an dem, was er erschafft. Es gibt keinen Verlag, keine Firma, keinen Editor – die Figur gehört dem Menschen, der sie zeichnet. Spawn war das erste und lauteste Produkt dieses Prinzips. Und die Verkaufszahlen waren eine Antwort, die die Branche nicht ignorieren konnte: Spawn #1 verkaufte sich in einer Erstauflage von 1,7 Millionen Exemplaren. Es war die meistverkaufte Erstausgabe einer unabhängigen Comicserie in der Geschichte des Mediums.

Image Comics bewies 1992, dass Leser einer Figur (oder einem Kreativen) folgen, nicht einem Verlagsnamen. Das ist eine Erkenntnis, die den Markt bis heute prägt, und die ohne McFarlane und Spawn in dieser Deutlichkeit nie gemacht worden wäre.

DAS LEBENDE KOSTÜM als Hauptdarsteller

Spawn, Todd McFarlane
Von Todd McFarlane

In der Comicgeschichte gibt es wenige visuelle Elemente, die so unmittelbar mit einer Figur verbunden sind wie Spawns Umhang. Er ist ein Symbiont, ein lebendiges Wesen aus Necroplasma. Er reagiert auf Spawns Gedanken und Gefühle, greift an und verteidigt, kann sich in riesige Flügel entfalten oder zu einem schützenden Kokon zusammenziehen. McFarlane hat ihn stets so gezeichnet, als würde er im Wind einer anderen Welt wehen, in einer Kombination aus Schwere und Leichtigkeit, die physisch unmöglich, aber visuell unwiderstehlich ist.

Was dieser Umhang erzählerisch leistet, ist subtiler, als es auf den ersten Blick scheint. Spawn ist ein gebrochener Mann, ein ehemaliger Soldat ohne klare Mission, Identität oder Zukunft. Der Umhang verleiht ihm eine überwältigende Präsenz, während der Mensch darunter zerfällt. Dies ist die visuelle Artikulation eines klassischen Superhelden-Paradoxons: Die äußere Macht steht im umgekehrten Verhältnis zur inneren Zerrissenheit. Je imposanter der Umhang, desto verlorener der Mann darin.

Greg Capullo

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE — und gegen beide

Spawn ist die theologisch ehrgeizigste Mainstream-Comicfigur, die das amerikanische Medium je hervorgebracht hat, und das will in einem Genre, das Doctor Strange, Etrigan und Phantom Stranger enthält, etwas heißen. Was Spawn von diesen Figuren unterscheidet, ist die Radikalität seiner moralischen Position: Er verweigert beiden Seiten des kosmischen Konflikts die Gefolgschaft.

Himmel und Hölle kämpfen in Spawns Universum um die Kontrolle über die Menschheit, und beide sind korrupt. Die Engel sind kalt, bürokratisch, bereit, Millionen zu opfern für einen strategischen Vorteil. Die Dämonen sind offensichtlich böse, aber wenigstens ehrlich, was ihre Natur betrifft. Spawn lehnt beide ab. Er ist ein Werkzeug der Hölle, das sich weigert, als Werkzeug zu funktionieren. Er kämpft für konkrete Menschen in konkreter Not, nicht für eine Seite, und schon gar nicht für eine Ideologie.

Diese Position hat eine philosophische Konsequenz, die McFarlane in den stärksten Phasen der Serie voll auslotet. Sind beide Seiten des kosmischen Konflikts unmoralisch, dann ist Moral keine Frage der Zugehörigkeit, sondern der individuellen Entscheidung. Spawn ist somit eine Figur des radikalen Individualismus, jedoch nicht des libertären, sondern des ethischen. Er entscheidet, was richtig ist, nach dem einzigen Maßstab, den er noch hat: dem, was er einst war, bevor das System ihn korrumpierte.

Spawn fragt das Genre: Was, wenn beide Seiten des Kampfes zwischen Gut und Böse unrecht haben? Was bleibt dann als Grundlage für eine Entscheidung, außer dem einzelnen Menschen und dem, was er liebt?

DER ERSTE SCHWARZE SUPERHELD im Mainstream-Rampenlicht

Al Simmons von Todd McFarlane
Al Simmons von Todd McFarlane

Al Simmons ist schwarzer Amerikaner, und das ist in der Geschichte des Superhelden-Comics von einer Bedeutung, die man nicht unterschätzen sollte. 1992, als Spawn erschien, gab es im Mainstream-Comic kaum schwarze Protagonisten in eigenen Serien. Black Panther existierte seit 1966, Blade seit 1973, aber beide lebten in den Randzonen des Verlagsbetriebs. Bei Spawn war es das erste Mal, dass ein schwarzer Superheld in einer eigenständigen Serie des Formats und der hohen Verkaufszahlen erschien, die McFarlane mit Image erreichte.

McFarlane hat in Interviews betont, dass die Entscheidung für Al Simmons‘ Identität bewusst und ohne große theoretische Rahmung getroffen wurde: Er wollte eine Figur erschaffen, die anders aussah als die weißen Helden des Mainstreams. Was er damit auslöste, war mehr, als er absehen konnte. Der Kinofilm von 1997 mit Michael Jai White war einer der ersten großen Superheldenfilme mit schwarzem Protagonisten, sechs Jahre vor Blade (1998) in seiner bekanntesten Form, neun Jahre vor dem schwarzen Superhelden als Massenphänomen.

ANGELA UND DIE GRENZEN des Creator Ownership

Angela, Spawn-Sonderheft
Angela im Spawn-Sonderheft. Gezeichnet von Greg Capullo

Die Geschichte von Neil Gaimans Beteiligung an Spawn ist eine der lehrreichsten und schmerzhaftesten Anekdoten der Comicgeschichte. Lehrreich, weil sie zeigt, dass selbst das System, das gegen Ausbeutung gegründet wurde, in Ausbeutung enden kann.

Gaiman schrieb 1993 Spawn #9 und erschuf dabei zwei Figuren: Medieval Spawn und Angela, eine Engeljägerin. Die Ausgabe war ein kritischer und kommerzieller Erfolg. Was folgte, war ein jahrelanger Rechtsstreit darüber, wem diese Figuren gehören. McFarlane war der Meinung, sie seien Bestandteil des Spawn-Universums und damit sein Eigentum; Gaiman argumentierte hingegen, er habe sie erschaffen und sein Recht daran gelte. Der Streit landete vor Gericht, endete in einem Vergleich, und Angela wanderte schließlich zu Marvel, wo sie heute als Thor-Schwester im Avengers-Universum existiert.

Die Ironie ist von einer Bitterkeit, die man sich kaum ausdenken könnte: Image Comics wurde gegründet, um genau diese Art von Konflikt zu verhindern, um sicherzustellen, dass Schöpfer die Rechte an ihren Figuren behalten. Dass ausgerechnet das erste große Creator-Ownership-Unternehmen des amerikanischen Comics einen solchen Rechtsstreit produzierte, ist das traurigste Kapitel in der Geschichte des Verlags.

KEITH DAVID, DUNKELHEIT und das beste Spawn-Produkt außerhalb des Comics

Keith David
Keith David

Die HBO-Animationsserie (1997–1999) ist in der langen Geschichte der Spawn-Adaptionen das einzige Produkt, das dem Comic in seinen besten Momenten ebenbürtig ist. Das liegt an einer Reihe von Entscheidungen, die heute fast mutig wirken. Die Serie war für ein erwachsenes Publikum konzipiert und machte keine Zugeständnisse an eine jugendliche Zuschauerschaft. Sie zeigte Gewalt, Prostitution, politische Korruption und religiöse Ambiguität mit einer Ernsthaftigkeit, die für das Animationsformat ungewöhnlich war.

Keith David als Stimme von Spawn ist eine Besetzung von fast erschreckender Richtigkeit. Davids Bass hat eine Schwere, die Trauer und Bedrohung zugleich ausdrückt. Er klingt wie jemand, der schon viel erlebt hat und trotzdem weitermacht, weil es niemand sonst tut. Es ist eine Stimmleistung, die die Figur über das visuelle Medium hinaus definiert hat.

Dass die Serie nach drei Staffeln endete und bis heute keine würdige Fortsetzung gefunden hat, ist ein Verlust für das Medium. McFarlane arbeitet seit Jahren an einem Neustart, einem düsteren, horrororientierten Spielfilm, der Spawn als Monster behandeln soll, nicht als Superhelden. Die Idee ist gut. Ob sie sich je realisiert, bleibt offen.

DAS SYMBOL einer Generation

Spawn ist das Produkt eines spezifischen Moments: 1992 stand die Comicbranche an einem Scheideweg; eine Generation von Zeichnern entschied, dass das alte System nicht mehr akzeptabel war, und das Publikum war inzwischen groß genug, um diese Entscheidung mit seiner Kaufkraft zu unterstützen. Dieser Moment ist zwar vorbei, seine Nachwirkungen sind es jedoch nicht. Image Comics existiert. Creator Ownership ist ein anerkanntes Prinzip. Schwarze Superhelden haben Kinofilme, Fernsehserien und eigene Universen.

All das begann nicht mit Spawn. Aber Spawn war das lauteste, sichtbarste, am meisten verkaufte Argument für alle diese Entwicklungen, ein Argument, das in Tinte geschrieben war und einen Umhang trug, der sich in Panels entfaltete wie ein Manifest.

DER SOLDAT der nie nach Hause kommt

Al Simmons wollte Wanda wiedersehen. Als er sie sah, wurde ihm klar, dass Wanda ohne ihn ein besseres Leben geführt hat als mit ihm. Das ist die eigentliche Tragödie von Spawn. McFarlane kehrt immer wieder zu ihr zurück, weil sie das ehrlichste Stück Schmerz in der gesamten Serie ist: der Moment, in dem man erkennt, dass die eigene Rückkehr kein Happy End, sondern eine Komplikation im Leben anderer ist.

Seither kämpft Spawn für Menschen, die ihn nicht kennen, in Gassen, die kein Held besucht, gegen Bedrohungen, die keinen Pressebericht wert sind. Das ist nun wirklich kein glamouröses Heldentum. Es ist das Heldentum eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, und der genau deshalb frei ist, um das Richtige zu tun.

Todd McFarlane erschuf 1992 eine Figur aus Wut, Verlust und dem Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Werk. Was er schuf, war mehr als das: ein Symbol für alle, die vom System verbrannt wurden und trotzdem weitermachen. Spawn trägt seinen Umhang noch immer. Der Umhang lebt.

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Er kam aus der Hölle zurück und erkannte, dass sich die Welt ohne ihn weitergedreht hatte. Seither dreht er sich mit, nach seinen eigenen Regeln.

Nachtrag des Autors: Spawn ist in dieser Reihe die erste Figur, die nicht aus dem Establishment kommt, nicht von DC, nicht von Marvel, nicht aus der langen Tradition der Superhelden-Verlage. Er ist ein Kind der Revolte, und das macht ihn zu einem anderen Ding als alle bisherigen Figuren dieser Dokumentation.

Was mich bei Spawn am tiefsten beschäftigt, ist die emotionale Grundwahrheit, die unter dem ganzen Höllen-Himmel-Spektakel liegt: Ein Mann wollte seine Frau wiedersehen. Das ist alles. Und dann hat er sie gesehen und festgestellt, dass sie ohne ihn glücklicher ist. Kein Held des Genres hat je mit einem so stillen, so unheroischen Herzensbruch begonnen. Und der Gaiman-Rechtsstreit bleibt das bitterste Kapitel: Das System, das gegen Ausbeutung gegründet wurde, produzierte seinen eigenen Ausbeutungsfall. Die Comicgeschichte liebt solche Ironien. Sie sind allerdings selten lustig für die Beteiligten.

Der Holzschnittmacher des Übernatürlichen: Mike Mignola

Berkeley und die Formung des inneren Auges

Mike Mignola wurde am 16. September 1960 in Berkeley, Kalifornien, geboren und wuchs in Oakland auf. Diese Weltgegend hat nichts mit den literarischen und kulturellen Koordinaten seines späteren Werkes zu tun, und ist gerade deshalb aufschlussreich. Das Gespenstische, das Mittelalterliche und die dunkle europäische Mythologie, die sein Werk so vollständig durchdringen, waren ein Akt der Abgrenzung. Sie entstanden in einem Kind, das sich durch Bücher und Bilder eine innere Welt erschuf, die sich grundlegend von der Außenwelt unterschied. Diese frühe Innerlichkeit bildet das Fundament für alles, was dann kommen sollte.

Seine künstlerische Sozialisation verlief über den amerikanischen Mainstream: Er studierte am California College of Arts and Crafts, war in den frühen 1980er-Jahren bei Marvel angestellt und arbeitete an Titeln wie Rocket Raccoon, Alpha Flight und später an Jack Kirbys Cosmic Boy. Diese frühe Karriere zeigt einen Zeichner, der sein Handwerk gerade lernt. Anatomie, Figurenkomposition, Seitenlayout. In diesen Jahren gab es noch keinen charakteristischen Stil. Der frühe Mignola ist kompetent aber uneinheitlich – ein Zeichner wie viele andere, die innerhalb der Konventionen des Genres arbeiten, ohne sie wesentlich zu erweitern.

Was Mignola von diesen Konventionen wegführte, war eine Entdeckung: das langsame Erkennen dessen, was ihn wirklich interessierte und wie es aussehen sollte. Diese Entdeckung betraf den Schatten als erzählerisches und philosophisches Prinzip. In den frühen 1990er-Jahren begann Mignola, seine Zeichentechnik radikal zu vereinfachen: Er verwendete weniger Linien, mehr Flächen und ließ Details bewusst im Dunkeln verschwinden. In jedem Zeichenlehrbuch wird dies als Informationsverlust beschrieben. Das Ergebnis war ein Stil, der im amerikanischen Comic keine Vorläufer und bis heute keine Nachfolger gefunden hat.

Der Stil als Weltanschauung

Bevor man Mignolas Werk inhaltlich analysiert, muss man seinen Zeichenstil als eigenständiges Prinzip verstehen, denn bei Mignola sind Form und Inhalt auf eine Weise verschmolzen, die im gesamten Comicmedium ohne wirkliche Parallele ist. Sein Stil ist keine Ausdrucksform für seine Ideen; er selbst ist die Idee.

Albrecht Dürer
Albrecht Dürer

Das Prinzip ist die radikale Reduktion: Mignola zeichnet nicht, was er sieht, sondern was das Auge unter extremen Bedingungen (wie Fackellicht, tiefe Nacht oder dem Schein einer einzelnen Glühbirne in einem feuchten Keller) gerade noch erkennen kann. Alle Details, die in diesem Licht verschwinden würden, verschwinden somit auch auf der Seite. Was bleibt, sind Silhouetten, harte Kanten und Flächen aus tiefem Schwarz sowie die wenigen Linien, die das Wesentliche einer Form definieren. Dabei ist das Ausdrucksstarke das Eigentliche: die Haltung eines Körpers, die Gestalt einer Drohung oder die Atmosphäre eines Ortes.

Die von Mignola entwickelte Bildsprache ist historisch tief verwurzelt: im deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts, in den Holzschnitten Albrecht Dürers und Hans Baldung Griens, in den Stichen Francisco Goyas sowie in der visuellen Kultur der mittelalterlichen Totentänze und Teufelsbücher. Diese Einflüsse sind weniger ornamental als strukturell. Mignola denkt in einer Bildsprache, die vor der Fotografie entstand, aus einer Zeit, in der die Darstellung des Übernatürlichen noch nicht durch den Realismus des Mediums gebrochen war. Diese Archaik verleiht seinem Werk eine Qualität, die der modernen Horrorliteratur häufig fehlt: die Überzeugungskraft des nicht vollständig Gezeigten.

Dave Stewart, der seit Beginn der Hellboy-Reihe als Kolorist mit Mignola zusammenarbeitet, ist in diesem Kontext als gleichberechtigter kreativer Partner zu verstehen. Stewarts Farbpalette – die tiefen Orangetöne des Fackelfeuers, die erdigen Ocker- und Umbrafarben der alten Gebäude sowie die Kühle des Himmels über verfallenen Landschaften – ist eine eigenständige ästhetische Leistung. Sie illustriert nicht etwa Mignolas Schwarzweiß-Grundstruktur, sondern hebt sie in eine dritte Dimension. Ohne Stewart sähe das Hellboy-Universum völlig anders aus. Diese Tatsache wird in der Rezeption noch immer zu selten gewürdigt.

Hellboy — Die Mythologie und ihr Held

Hellboy (Dark Horse Comics, ab 1993) ist das Werk, um das sich alles andere in Mignolas Schaffen organisiert, weil es in seiner konzeptionellen Anlage so vollständig ist, dass es als eigenständiges mythologisches System beschrieben werden muss.

BPRD
BPRD, Dark Horse Comics

Hellboy ist ein Dämon, der am Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Wissenschaftlern und Okkultisten aus einer anderen Dimension beschworen wurde. Er wurde von dem am Paranormalen interessierten Forscher Trevor Bruttenholm adoptiert und aufgezogen und ist nun als Agent des Bureau for Paranormal Research and Defense (BPRD) tätig. In ihrer Konstruktion ist die Figur ein Paradoxon: das Böse, das das Gute tut, weil es sich dafür entschieden hat – täglich, ohne Garantie, ohne metaphysische Absicherung. Diese Entscheidungsfreiheit bildet den moralischen Kern der gesamten Mythologie.

Zur moralischen Struktur der Hellboy-Mythologie

Hellboy ist ein Held, der sich weigert, das zu sein, wozu er gemacht wurde, und genau diese Weigerung ist es, die ihn täglich neu menschlich macht.

Hellboy Krampusnacht
Dark Horse Comic

Die mythologische Struktur, die Mignola um diese Figur aufgebaut hat, ist in ihrer Dichte und internen Kohärenz mit wenigen anderen Schöpfungen dieses Mediums vergleichbar. Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hat Mignola ein Universum entwickelt, in dem er germanische, slawische, keltische, englische und amerikanische Folklore mit Lovecraft’schem Kosmismus, apokryphen christlichen Texten, der Artuslegende sowie der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und seinen Okkultexperimenten verwebt. Dies gelingt ihm, ohne den Eindruck des Eklektizismus zu erwecken, da die Verbindungen stets auf einer tiefen Kenntnis der Quellen basieren und nicht auf oberflächlicher Aneignung.

Die von Mignola entwickelte narrative Methode ist ebenso ungewöhnlich wie seine Zeichentechnik: Anstatt fortlaufende Plots im Sinne des amerikanischen Seriencomics zu schreiben, kreiert er Episoden; abgeschlossene Begegnungen zwischen Hellboy und einer übernatürlichen Bedrohung. Diese besitzen jeweils ihre eigene innere Logik und sind gleichzeitig Bausteine einer übergeordneten mythologischen Erzählung, deren Konturen sich erst nach Jahrzehnten vollständig enthüllen. Diese Struktur ähnelt eher der japanischen Yōkai-Volksliteratur als dem amerikanischen Superheldencomic und verleiht dem Werk eine Zeitlosigkeit, die es aus dem Genre-Kontext heraushebt.

Das Universum — Expansion als Vertiefung

Das Hellboy-Universum ist im Laufe der Jahrzehnte zu einem der umfangreichsten und am kohärentesten konzipierten Comicuniversen außerhalb der großen Verlagshäuser geworden – durch Ableger-Serien wie BPRD, Lobster Johnson, Abe Sapien, Sir Edward Grey: Witchfinder und zahlreiche weitere Titel, die meist unter Beteiligung anderer Autoren und Zeichner entstanden sind. Diese Expansion ist das comichistorisch interessanteste strukturelle Merkmal von Mignolas Schöpfung. Sie ist auf eine Weise gelungen, die im Comicmedium äußerst selten ist.

Hellboy in Hell
Hellboy in Hell; Dark Horse Comics

Die meisten unabhängigen Comicuniversen scheitern an der Expansion: Entweder gibt der ursprüngliche Schöpfer die Kontrolle ab, wodurch das Universum verwässert wird, oder er behält die Kontrolle, was die Expansion verhindert. Mignola hat einen dritten Weg gefunden. Er arbeitet eng mit Autoren wie John Arcudi und später Scott Allie und Mike Norton zusammen. Diese haben seine Mythologie so gründlich verinnerlicht, dass sie sie erweitern können, ohne ihre Integrität zu gefährden. Die BPRD-Serie, die hauptsächlich von Arcudi geschrieben wurde, ist in ihrer Qualität über lange Strecken gleichwertig mit den Hellboy-Hauptbänden – ein Zeichen dafür, dass Mignola als Weltenbauer großzügiger und offener ist als die meisten seiner Kollegen.

Diese Großzügigkeit hat jedoch Grenzen. Den zeichnerischen Stil seines Hauptwerks lässt Mignola nicht an andere delegieren. Alles, was unter seinem Namen erscheint, ist seine eigene Arbeit. Diese Entscheidung begrenzt zwar die Produktionsrate, schützt aber die ästhetische Integrität des Werkes.

Die Entscheidung, das Hellboy-Hauptwerk mit Hellboy in Hell (2012–2016) langsam abzuschließen, ist eine der mutigsten in der neueren Comicgeschichte. Der letzte Hauptband führt Hellboys Geschichte zu einem mythologisch vollständigen und emotional erschütternden Ende. Mignola hätte die Figur endlos fortsetzen können, und der Markt hätte es belohnt. Stattdessen gab er der Figur einen Tod und ein Nachleben, wodurch das Gesamtwerk retrospektiv in ein anderes Licht getaucht wird. Hellboy in Hell ist also nicht die Fortsetzung aller vorherigen Bände, sondern ihre Deutung – die Offenbarung dessen, was die Geschichte die ganze Zeit über gewesen ist.

Lovecraft, Folklore und die Theologie des Fremden

Mignolas Verhältnis zu H.P. Lovecraft ist eines der produktivsten und zugleich kritischsten in der Geschichte der Pulp-Mythologie. Lovecraft ist die offensichtlichste literarische Referenz des Hellboy-Universums: der kosmische Horror, die uralten Götter, die Überzeugung, dass das Universum keine menschliche Bedeutung kennt und dass das Wissen um diese Bedeutungslosigkeit das gesunde Fundament des Menschen zerstört. Diese Grundstruktur ist im Hellboy-Kosmos allgegenwärtig.

H.P. Lovecraft
H.P. Lovecraft

Aber Mignola übernimmt Lovecraft nicht, er korrigiert ihn. In Lovecrafts Mythos ist der Mensch den alten Kräften vollständig ohnmächtig ausgeliefert: Erkenntnis führt zum Wahnsinn, Begegnung bedeutet den Tod und Widerstand ist eine Illusion. Mignola behält die kosmische Skala des Bösen bei, gibt den Menschen aber eine Handlungsmöglichkeit zurück: durch Entscheidung, durch Charakter, durch die Weigerung, die Kapitulation als unausweichlich zu akzeptieren. Hellboy kämpft gegen Dinge, die er nicht besiegen kann. Er schlägt sie trotzdem. Diese Geste ist eine Aussage über den Wert der Handlung jenseits ihrer Erfolgsaussichten.

Ebenso bedeutsam ist die folkloristische Dimension des Werkes. Mignola ist ein ernsthafter Leser von Märchen, Sagen und volkstümlichen Überlieferungen und behandelt dieses Material mit einer Ehrerbietigkeit, die es von bloßer Dekoration unterscheidet. Die russischen Baba-Yaga-Geschichten in den frühen Hellboy-Bänden, die englischen Feen-Überlieferungen in späteren Episoden und die germanischen Weltuntergangsmythen als Grundstruktur der apokalyptischen Handlungsbögen sind das Ergebnis akribischer Recherche. Mignola studiert das Urmaterial, durchdringt seine innere Logik und arbeitet es dann in seinen Kontext ein. Das verleiht seinem Werk die Konsistenz eines Autors, der weiß, womit er arbeitet.

Die Philosophie — Stille, Einsamkeit und das Prinzip der Auslassung

Unter den Autoren dieser Essay-Reihe ist Mignola derjenige, dessen Philosophie am weitesten von der Öffentlichkeit entfernt formuliert wird. Er gibt selten Interviews, schreibt keine theoretischen Aufsätze und erklärt sein Werk nicht. Diese Zurückhaltung ist die konsequente Entsprechung seines ästhetischen Grundprinzips: Was nicht gezeigt werden muss, wird nicht gezeigt. Was nicht gesagt werden muss, wird nicht gesagt.

Das Prinzip der Auslassung, das Mignolas Zeichenstil definiert, gilt auch für seine Erzählweise und seine öffentliche Haltung. Seine Comics erzählen nie mehr als nötig. Die Dialoge sind knapp und bestehen oft aus lapidaren, einzeiligen Antworten auf komplexe Bedrohungen. Innere Monologe fehlen fast vollständig. Hellboy denkt nicht laut nach, erklärt sich nicht und kommentiert nicht. Was er fühlt, zeigt Mignola durch die Haltung seiner Figuren: durch die Art, wie eine Schulter hängt, durch die Positionierung der Figur im Raum oder das Verhältnis zwischen Figur und Dunkelheit im Hintergrund.

Diese Poetik der Auslassung hat eine spezifische Wirkung auf die Lesenden: Sie aktiviert eine Imagination, die ausführlichere Werke häufig lahmlegen. Weil Mignola nicht zeigt, was im Schatten ist, erschafft der Leser es selbst, und das Selbsterschaffene ist stets beängstigender als das Gezeigte. Dies ist die älteste Technik der Horrorliteratur und kein Comiczeichner des modernen Zeitalters hat sie konsequenter angewendet.

Mignola ist außerdem der einzige Autor dieser Reihe, dessen Werk keine erkennbare politische Dimension besitzt. Seine Themen liegen tiefer: im Eschatologischen, im Mythologischen, im Existenziellen. Hellboys Kampf gegen das Böse ist nicht auf zeitgenössische Verhältnisse zu beziehen. Er ist archetypisch, er handelt von der Frage, wie ein Wesen, das zu etwas bestimmt wurde, das es nicht sein will, mit dieser Spannung lebt, jeden Tag, ohne dass es eine Auflösung gibt.

Erbe — Das Einmalige und das Unnachahmliche

Mike Mignola ist unter den Autoren dieser Essay-Reihe der am schwersten einzuordnende, da er am vollständigsten außerhalb des Feldes operiert, innerhalb dessen die anderen verglichen werden können. Alan Moore, Grant Morrison, Frank Miller, Garth Ennis, Tom King, Scott Snyder und Brian Michael Bendis stehen alle in einer erkennbaren Tradition des amerikanischen Autorencomics. Sie kommentieren und reagieren aufeinander und sind Teil eines Gesprächs. Mignola führt dieses Gespräch jedoch nicht. Er sitzt in einem anderen Zimmer und zeichnet Dinge, die er im Fackellicht gesehen hat.

Diese Isolation ist seine Stärke und macht seinen Einfluss paradoxerweise schwerer messbar als den seiner einflussreicheren Kollegen. Mignola hat Hunderte von Zeichnern beeinflusst. Sein Stil ist einer der meistimitierten im gesamten Alternativcomic der letzten dreißig Jahre, aber er hat keine Schule gegründet, da sein Stil sich nicht im handwerklichen Sinne lehren lässt. Man kann lernen, schwarze Flächen zu setzen. Aber man kann nicht lernen, warum sie an dieser Stelle, in diesem Moment, diese Wirkung haben. Dieses Warum ist das Ergebnis von dreißig Jahren tiefer, obsessiver Beschäftigung mit einer ganz bestimmten Bildwelt.

Was bleibt, ist ein Werk von seltener innerer Konsistenz: dreißig Jahre Zeichenarbeit, die sich vertieft, ein Universum, das mit jedem Band dichter und kohärenter wird, statt sich zu verwässern, und eine Figur, die über all die Jahre derselbe Mensch geblieben ist, weil ihr Schöpfer genau weiß, wer sie ist. Hellboy ist das vollständigste Werk, das der alternative Comic der letzten vier Jahrzehnte hervorgebracht hat – nicht das einflussreichste, nicht das formrevolutionärste und auch nicht das politisch wichtigste. Aber es ist das vollständigste Werk: das Werk, das am genauesten das ist, was es sein wollte, und das am wenigsten von dem ist, was es nicht sein wollte. In einem Medium, das chronisch von Kompromissen und Kontinuitätszwängen geprägt ist, ist das eine außerordentliche Leistung.

The Phantom Stranger

Ein Fremder tritt ein — und erklärt sich nicht

 1952 in Phantom Stranger #1, DC
1952 in Phantom Stranger #1, DC

Es gibt nur sehr wenige Comicfiguren, bei denen nicht die Verpackung, sondern das Produkt selbst das Rätsel ist. Phantom Stranger ist die vollständigste dieser Figuren. Seit 1952 gleitet dieses Wesen durch das DC-Universum, schaut in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung, mahnt, warnt und greift gelegentlich ein, ohne je zu erklären, wer oder was es ist. Die Frage nach seiner Identität ist nicht unbeantwortet, weil die Autoren sie vergessen hätten. Sie ist unbeantwortet, weil die Antwort die Figur zerstören würde.

Sein Erstauftritt im September 1952 in Phantom Stranger #1, geschrieben von John Broome und gezeichnet von Carmine Infantino, war vergleichsweise bescheiden: ein geheimnisvoller Mann im weiten Umhang und breitkrempigen Hut, der in kurzen Horrorgeschichten eingriff und jeweils am Ende die moralische Pointe lieferte. Das Format erinnerte an die EC Comics und die Tradition des allwissenden Erzählers, doch Broome und Infantino gaben diesem Erzähler einen Körper, eine Präsenz und eine schwer zu beschreibende Schwere, die ihn von Anfang an zu mehr machten als zu einem dramatischen Hilfsmittel.

Die ursprüngliche Serie umfasste nur sechs Ausgaben, dann wurde sie eingestellt. Dass Phantom Stranger zwanzig Jahre später zurückkehrte und seither zu den dauerhaftesten Begleitfiguren des DC-Universums gehört, ist eine jener Comicgeschichten, die zeigen, wie wenig die kommerzielle Erstperformance mit der langfristigen Bedeutung zu tun hat.

Das Format von 1952

Broome, Infantino — und die Autoren, die ihn formten

Phantom Stranger Omnibus, DC

John Broome ist einer der am meisten unterschätzten Autoren des Silbernen Zeitalters. Er schrieb in den 1950er- und 1960er-Jahren für DC Comics mit einer Produktivität und konzeptuellen Freiheit, die ihn zu einem der stillen Mitarchitekten des DC-Universums machten. Hal Jordan als Green Lantern, Barry Allen als The Flash und zahlreiche Schurken und Konzepte tragen seine Handschrift. Für Phantom Stranger schuf er eine Figur, die durch Auslassung funktioniert. Was der Fremde nicht sagt, was er nicht erklärt, was er nicht zeigt – das ist Broomes eigentliche Konstruktionsleistung.

Carmine Infantino, einer der elegantesten Zeichner seiner Generation, gab dem Stranger sein visuelles Fundament: den langen dunklen Umhang, den tief in die Stirn gezogenen Hut, die Andeutung eines Gesichts im Schatten. Infantinos Linie hatte eine Präzision und eine Flüchtigkeit zugleich; seine Figuren schienen immer kurz davor, aus dem Panel zu treten oder darin zu verschwinden. Für Phantom Stranger war das die perfekte Sprache.

Die entscheidende Weiterentwicklung der Figur geschah jedoch unter anderen Händen, vor allem unter denen von Mike Friedrich, Dennis O’Neil, Jim Aparo und später Alan Moore und Neil Gaiman, die dem Stranger in Gastauftritten und Kurzgeschichten eine theologische und philosophische Tiefe gaben, die Broomes ursprüngliche Anlage weit überstieg.

Wer ist er wirklich? — Vier Antworten, alle gleichzeitig wahr

Das Seltsamste und Schönste an Phantom Stranger ist eine Designentscheidung, die so unkonventionell ist, dass sie nur im Comic funktionieren könnte: Im Jahr 1987 erschien in Secret Origins #10 ein Heft, das vier voneinander unabhängige Herkunftsgeschichten für den Stranger präsentierte, geschrieben von vier verschiedenen Autoren, gezeichnet von vier verschiedenen Zeichnern, und alle vier bewusst als gleichzeitig möglich präsentiert, ohne eine davon als kanonisch auszuzeichnen.

Version I · Len Wein

Der Ewige Jude

Phantom Stranger ist der Wandernde Jude, jener Mann aus der christlichen Legende, der Jesus auf dem Kreuzweg verspottete und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt die Schuld einer unbedachten Grausamkeit durch alle Zeiten.

Version III · Mike W. Barr

Der Selbstmörder

Er war ein gewöhnlicher Mensch, der in einem Moment der Verzweiflung sein Leben beendete, und als Buße dafür verdammt wurde, den Lebenden zu helfen und sie vor ähnlichen Entscheidungen zu bewahren. Die dunkelste und menschlichste Version.

Version II · Paul Levitz

Der gefallene Engel

Er war ein Engel, der sich im Krieg zwischen Himmel und Hölle für keine Seite entscheiden konnte. Als Strafe für seine Neutralität — oder Weisheit — wurde er zur ewigen Wanderschaft zwischen den Welten verurteilt.

Version IV · Alan Moore

Vor der Zeit

Er existierte bereits vor der Schöpfung des Universums, ein Überbleibsel eines früheren Kosmos, das in diesem Universum keinen Platz hat und das deshalb durch es hindurchgeht, ohne je wirklich dazuzugehören. Die kosmischste und befremdlichste Lesart.

Diese Entscheidung, vier Ursprünge gleichzeitig anzubieten und keine davon zu privilegieren, ist konzeptuell einer der mutigsten Schritte, den DC je unternommen hat. Sie sagt dem Leser: Die Herkunft ist nicht der Punkt. Das Rätsel ist der Punkt. Eine Figur, die von jemandem, der die Legende des Wandernden Juden kennt, als Buß-Engel gelesen werden kann, und von jemandem, der den Faust-Mythos liebt, als kosmisches Überbleibsel. Diese Figur ist größer als jede einzelne ihrer Erklärungen.

Vier Herkunftsgeschichten, alle wahr, keine privilegiert: Das ist das tiefste Verständnis davon, was Phantom Stranger ist: ein Spiegel für die Fragen, die man an ihn heranträgt.

Stranger, Spectre, Zauriel — das Gericht des DC-Universums

Im DC-Universum gibt es eine informelle Hierarchie des Übernatürlichen, und an ihrer Spitze steht eine Dreiheit, die man mit einiger Berechtigung als die theologische Regierung des Universums beschreiben kann: The Spectre, der Geist der Rache Gottes: ein Wesen von apokalyptischer Macht, das Sünder vernichtet und das Gleichgewicht durch Bestrafung herstellt. Zauriel, der gefallene Engel und Beschützer. Und Phantom Stranger, der zwischen beiden steht — beobachtend, führend, mahnend.

Diese Dreiheit ist eine der interessantesten theologischen Konstruktionen, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat, auch wenn sie nie als theologisches Projekt deklariert wurde. The Spectre steht für das alttestamentarische Prinzip der vergeltenden Gerechtigkeit. Zauriel steht für das neutestamentarische Prinzip der vermittelnden Gnade. Phantom Stranger ist das, was dazwischen bleibt: die Frage selbst, das Schweigen zwischen Urteil und Gnade, die Stimme, die weder verurteilt noch freispricht, sondern zeigt.

The Presence

Die Autoren, die ihn am tiefsten sahen

Secret Origins #10
Secret Origins #10, DC

Nicht die langen Serien haben Phantom Stranger seine literarische Würde gegeben, sondern die kurzen, präzisen Eingriffe der besten Autoren des Mediums. Alan Moore schrieb in Secret Origins #10 eine atemberaubende, kosmologisch kühne Herkunftsgeschichte: Phantom Stranger ist ein Wesen, das vor dem Urknall existierte, ein Überbleibsel eines Universums, das nicht mehr ist. Diese Version hat eine Kälte und eine Einsamkeit, die an die großen Science-Fiction-Erzählungen über kosmische Einsamkeit erinnern; an Clarke, an Stapledon, an das Gefühl, in einem Universum zu existieren, das nicht für die eigene Art von Existenz vorgesehen ist.

Neil Gaiman verwendete den Stranger in The Books of Magic (1990) als einen der vier mysteriösen Führer, die den jungen Timothy Hunter durch die Welt der Magie geleiten. In Gaimans Händen ist Phantom Stranger ein perfekter Charakter: Er erklärt nicht, er zeigt nur. Er urteilt nicht, er beobachtet. Er ist der ideale Führer durch eine Welt, die größer ist als das Verständnis, weil er selbst ein Wesen ist, das größer ist als das Verständnis und trotzdem Würde bewahrt.

Was beide Autoren verstanden und was die meisten kommerziellen Phantom-Stranger-Geschichten verfehlen, ist ein simples Prinzip: Die Figur trägt kein Geheimnis bei sich, das enthüllt werden will. Sie ist das Geheimnis. Der Unterschied ist fundamental.

Der Rationalist als Spiegelbild — das klügste Gegenstück des Genres

Eine der klügsten Entscheidungen in der Geschichte der Phantom-Stranger-Geschichten war die Einführung von Dr. Terry Thirteen, auch bekannt als Dr. 13 oder Ghost-Breaker. Er ist ein Debunker paranormaler Phänomene, der in einer Welt lebt, in der diese real sind, sie aber beharrlich als Betrug oder Einbildung erklärt. Dr. 13 ist der häufigste Begleiter des Phantom Strangers und gleichzeitig sein konzeptuelles Gegenteil.

Dr. 13
DC

Was diese Paarung so elegant macht: Dr. 13 hat auf seine Weise recht. In einem rationalen Universum wären seine Erklärungen korrekt. Dass er in einem Universum lebt, in dem dies nicht der Fall ist, und trotzdem nicht aufhört, sie zu liefern, zeugt von entwaffnender Konsequenz. Er ist der Leser, der an einem Comic über das Übernatürliche zweifelt, während er ihn liest. Er ist der Rationalist in einer theologischen Erzählung, der niemals bekehrt und niemals umgestimmt werden kann.

Phantom Stranger behandelt Dr. 13 mit einer Geduld, die an Mitleid grenzt, dabei ist er jedoch nie herablassend. Er weiß, was Dr. 13 nicht weiß. Er zeigt es ihm jedoch nie direkt. Diese Zurückhaltung ist das moralische Kernstück der Figur: Phantom Stranger glaubt nicht an Überredung. Er ist der Meinung, dass jedes Wesen seinen eigenen Weg zur Wahrheit finden muss – oder auch nicht.

Was passiert, wenn man die Antwort gibt

Das kurze Experiment der New-52-Ära, bei dem Phantom Stranger eine feste Herkunft erhielt, ist lehrreich, weil es demonstriert, was mit der Figur passiert, wenn man diese Frage beantwortet. Dan DiDios Soloserie aus dem Jahr 2012 entschied sich für die Judas-Interpretation: Phantom Stranger ist Judas Iskariot, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt buchstäblich dreißig Silberlinge als Kette um den Hals.

Das ist eine starke Idee, und sie ist trotzdem gescheitert, vielleicht sogar gerade deshalb. Denn eine Herkunftsgeschichte zu wählen, bedeutet auch, die anderen zu verwerfen. Es bedeutet, aus einem Spiegel einen Gegenstand zu machen. Der Judas-Stranger hat eine Psychologie, eine Schuld und einen spezifischen religiösen Kontext, und verliert damit genau das, was ihn für Leser aller Hintergründe zugänglich machte: die Offenheit, die Nicht-Festgelegtheit und das Potenzial, für jeden etwas anderes zu bedeuten.

Die New-52-Interpretation ist inzwischen als eine von vielen möglichen zurückgetreten. DC hat, wie so oft nach einem Neustart, die Ambiguität stillschweigend wiederhergestellt. Phantom Stranger trägt keine dreißig Silberlinge mehr. Er trägt wieder sein Rätsel.

Der Fremde als Funktion — was das Genre an ihm braucht

Im DC-Universum erfüllt Phantom Stranger eine Funktion, die keine andere Figur übernehmen könnte. Er ist die Instanz, die Geschichten ermöglicht, die größer sind als ihre Figuren. Wenn ein Held an die Grenzen seiner Welt stößt, wenn die Fragen für Batman zu groß, für Superman zu alt und für die Justice League zu dunkel werden, dann erscheint Phantom Stranger und öffnet eine Tür. Er erklärt nichts. Er zeigt. Er warnt. Und er geht wieder.

Das ist eine narrativ unverzichtbare Rolle und nur wenige Figuren in der Comicgeschichte erfüllen sie so gut. Im Vergleich zu ähnlichen Figuren, wie dem Uatu, dem Watcher aus dem Marvel-Universum, der ebenfalls beobachtet, ohne einzugreifen, hat der Phantom Stranger eine entscheidende Eigenheit: Er greift gelegentlich doch ein. In Momenten höchster Dringlichkeit, in denen die Entscheidung eines Menschen das Gewicht eines Zeitalters trägt, handelt er. Diese Unregelmäßigkeit macht ihn beunruhigender als einen reinen Beobachter – und menschlicher.

Die Figur leistet außerdem eine Verankerung des DC-Universums in einer echten theologischen Tradition. Während Marvel seinen kosmischen Hintergrund eher wissenschaftlich-spekulativ hält – Galactus ist eine Naturgewalt, aber kein Gott – operiert DC seit jeher mit einem religiösen Unterbau. Dieser wird durch Figuren wie Phantom Stranger, The Spectre und The Presence artikuliert. Das verleiht dem Universum eine mythologische Schwere, die es von seinem Konkurrenten unterscheidet. Phantom Stranger ist der subtilste Ausdruck dieser Schwere.

Die Stille zwischen den Worten

Phantom Stranger ist nach über siebzig Jahren immer noch das, was er immer war: ein Fremder. Er hat keinen bürgerlichen Namen, kein Zuhause, keine Familie, keine abgeschlossene Herkunftsgeschichte. Er hat einen Umhang, einen Hut und eine Präsenz, die jeden Raum verändert, den er betritt. Das ist, für ein Medium, das von Identitäten und Ursprungsgeschichten lebt, eine bemerkenswert kühne Verweigerung.

Was diese Verweigerung so produktiv macht: Sie gibt der Figur eine Offenheit, in die jeder Autor seine eigenen theologischen, philosophischen und moralischen Fragen hineintragen kann. Für Alan Moore ist er kosmische Einsamkeit. Für Neil Gaiman ist er der perfekte Führer durch das Unbekannte. Für Len Wein ist er menschliche Schuld und Buße. Für den Leser, der keine dieser Referenzen kennt, ist er einfach ein Fremder im weiten Mantel, der erscheint, wenn die Nacht am tiefsten ist.

John Broome erschuf 1952 sechs Hefte lang einen geheimnisvollen Erzähler und dachte dabei wahrscheinlich nicht an Theologie, Kosmologie oder literarische Tradition. Was er schuf, war trotzdem all das. Manche Figuren wachsen über ihre Schöpfer hinaus, weil sie eine Leerstelle besetzen, die das Medium gebraucht hat, ohne es zu wissen. Phantom Stranger ist die reinste Form dieser Figuren.

Er tritt ein. Er warnt. Er geht. Er kehrt wieder. Und er erklärt sich nicht.

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Er war vor dem Anfang. Er wird nach dem Ende sein. Dazwischen geht er durch unsere Geschichten, und gibt ihnen eine Tiefe, die sie alleine nicht hätten.

Nachbemerkung des Autors: Phantom Stranger ist in dieser Reihe die radikalste Figur, weil sein eigentliches Konzept die Verweigerung von Konzept ist. Während alle anderen Figuren dieser Dokumentation, von Poison Ivy bis Catwoman, durch ihre Transformation über Jahrzehnte interessant wurden, ist Phantom Stranger von Anfang an fertig. Er braucht keine Entwicklung, weil Entwicklung eine Richtung voraussetzt, und er hat keine Richtung, nur eine ewige Gegenwart zwischen den Geschichten anderer.