Rorschach – Die Maske schaut zurück

Ein Kind der Gosse — und was die Gosse aus ihm machte

Watchmen #6
Watchmen #6, DC

Walter Kovacs wurde in eine Welt geboren, die keine Verwendung für ihn hatte. Als Sohn einer Prostituierten wuchs er in einer namenlosen amerikanischen Großstadt auf. Er wurde misshandelt und verwahrloste. Es gab für ihn niemals ein Vorbild für das, was auch nur annähernd ein Mensch sein könnte. Als junger Mann wurde er dann mit einem Fall konfrontiert, der in der Geschichte des Superhelden-Comics einzigartig ist: dem Mord an Kitty Genovese – oder vielmehr der comiceigenen Version davon. Bei diesem grausamen Mord sahen achtunddreißig Zeugen zu, ohne einzugreifen. Walter Kovacs nähte sich aus dem Kleid des Opfers eine Maske. Und hörte auf, Walter Kovacs zu sein.

Das ist die Origin-Story, wie Alan Moore sie in Watchmen #6 erzählt, in der Ausgabe, die von vielen Kritikern als das dichteste einzelne Heft in der Geschichte des Mediums angesehen wird. Der Psychiater Malcolm Long versucht darin, Rorschach zu behandeln, und was dabei zutage tritt, ist ein Abgrund, der ihn selbst verändert. Die Ausgabe funktioniert auf zwei Ebenen gleichzeitig: als Rorschachs Biografie und als Studie darüber, was passiert, wenn man sich allzu genau ansieht, was Menschen einander antun.

Tagebucheintrag · Rorschach · Watchmen #1

„Heute Morgen lag ein Hundekadaver in der Gasse,
Reifenspuren auf seinem geborstenen Bauch.
Diese Stadt fürchtet mich. Ich sah ihr wahres Gesicht.“

Die Tagebucheinträge, die sich durch die zwölf Ausgaben von Watchmen ziehen, sind Rorschachs persönliche Sprache, und diese Sprache ist komprimiert, artikellos und von einer Intensität, die zwischen poetischer Dichte und psychopathologischem Symptom liegt. Sie spiegeln einen Geist wider, der die Welt auf ihre härtesten Konturen reduziert hat: Schwarz und Weiß. Kein Grau. Nie Grau.

Moore & Gibbons — und die Figur, die sie erschufen, um sie zu widerlegen

Alan Moore autor

Er ist der einflussreichste Comicautor der Nachkriegszeit. Mit Watchmen verfolgte Moore eine klare Absicht: Er wollte das Superhelden-Genre dekonstruieren, seine Gewaltfantasien hinterfragen und seine moralischen Gewissheiten zerstören. Rorschach war dabei sein schärfstes Werkzeug, und wie ein gewaltiger Berg lag das Risiko eines Missverständnisses bereits vor ihm.

Dave Gibbons zeichner

Gibbons‘ Beitrag zu Watchmen ist kaum zu überschätzen. Sein striktes 9-Panel-Raster, seine akribische visuelle Konsistenz und die symmetrischen Seitenlayouts sind bewusste inhaltliche Entscheidungen. Die Form des Comics spiegelt Rorschachs Weltbild wider: rigide, unerbittlich und ohne Ausbrüche ins Chaotische.

Mr A, in einem Panel aus „Witzend“ Nr. 4, 1968. Zeichnung von Steve Ditko.
Mr A, in einem Panel aus „Witzend“ Nr. 4, 1968. Zeichnung von Steve Ditko.

Moore fand die Grundlage für Rorschach in zwei älteren Figuren: Steve Ditko, der bereits Doctor Strange erschaffen hatte, zeichnete für Charlton Comics eine Figur namens The Question: ein Journalist ohne Gesicht, der nach streng objektivistischen Prinzipien handelte. Später schuf Ditko für seine eigenen Veröffentlichungen Mr. A: noch radikaler, noch kompromissloser, ein Held, der buchstäblich in Schwarz und Weiß gedruckt war und für den moralische Grautöne nicht existierten.

Moore erkannte in Ditkos Figuren eine philosophische Position, den Ayn-Rand-Objektivismus, die Überzeugung also, dass Moral absolute Gewissheiten besitzt und Kompromisse moralisches Versagen bedeuten. Moore beschloss, diese Position zu Ende zu denken. Was passiert, wenn man einen Menschen erschafft, der wirklich, buchstäblich, ohne Grauzonen lebt? Die Antwort ist Rorschach. Und diese Antwort ist erschreckend.

Die Maske, die kein Gesicht verbirgt

Rorschachs Maske ist eine der durchdachtesten visuellen Erfindungen der Comicgeschichte: ein aus zweischichtigem Latex gefertigtes Stück Stoff, das ein sich permanent veränderndes Tintenmuster zeigt, welches auf Temperatur und Druck reagiert. Das Muster ist wie ein Rorschach-Test symmetrisch. Es bedeutet nichts. Und genau deshalb kann es alles bedeuten, was der Betrachter hineininterpretiert.

Das ist Moores elegantester Trick: Die Maske projiziert zurück. Was die Figur des Rorschach bedeutet, hängt davon ab, wer sie betrachtet und welche Muster er in der Symmetrie zu erkennen gewohnt ist. Der Fan, der in ihm den kompromisslosen Helden sieht, erkennt darin also sein eigenes Weltbild wieder. Der Kritiker, der in ihm einen Faschisten sieht, entdeckt seine eigene Angst. Moore gab der Figur genau den Namen, nach dem dieses Spiel benannt ist, und hoffte offenbar, dass die Leser den Witz verstehen würden. Viele taten es nicht.

Die Maske zeigt kein definiertes Gesicht. Sie zeigt das Gesicht dessen, der schaut. Rorschach ist damit die einzige Comicfigur, die buchstäblich nach dem psychologischen Test benannt ist, den sie an ihren Lesern durchführt.

Gibbons zeichnete die Maske mit einer Sorgfalt, die weit über das Dekorative hinausging. In ruhigen Momenten sind die Muster offen, diffus und unentschieden. In Momenten der Wut oder Gewalt verdichten sie sich zu harten, schwarzen Klecksen, zu der Figur, die Rorschach in seiner berühmten Aussage als das einzig Wahre beschreibt: ein Hund, der auf dem Asphalt liegt, sowie die Maschinerie, die ihn dorthin gebracht hat, und die Frage, die aufkeimt, wenn man lange genug hinsieht.

Steve Ditko, Mr. A — und die Philosophie, die Moore widerlegte

Um Rorschach tatsächlich zu verstehen, muss man Steve Ditko ein zweites Mal begegnen; diesmal nicht als Schöpfer von Doctor Strange, sondern als politischen Philosophen in Comicform. Ditkos Mr. A, erschaffen 1967 für eigene Publikationen außerhalb des Mainstreams, ist die kompromissloseste Verkörperung des Ayn-Rand-Objektivismus, die das Medium je produziert hat: Ein Held, der auch wirklich in schwarz-weißem Druck erscheint, der eine Visitenkarte mit einer Hälfte Weiß und einer Hälfte Schwarz bei sich trägt, und der erklärt, dass es zwischen Gut und Böse kein Grau gibt, kein Mittelfeld, keine Entschuldigung.

Gibbons/Moore
Gibbons/Moore

Das glaubte Ditko. Er lebte es sogar. Er war ein einsiedlerischer Mann mit starren Überzeugungen und zog sich aus der Comicbranche zurück, als diese seine Weltanschauung nicht teilte. Mr. A war sein philosophisches Manifest in Comicform: kompromisslos, schematisch und von einer Reinheit, die gleichzeitig Bewunderung und Unbehagen erzeugt.

Moore nahm diese Figur, nahm diese Philosophie, und fragte: Was passiert mit einem Menschen, der so denkt? Nicht in einer idealen Welt, sondern in dieser, mit dieser Kindheit, mit diesen Traumata, mit diesem Körper und dieser Geschichte? Die Antwort ist Walter Kovacs. Die Antwort ist: Es endet in Wahnsinn und Gewalt. Die Überzeugung ist echt, und das macht es nur schlimmer.

Ditko & Moore

Der Held, den Moore nicht erschuf — und warum er ihn trotzdem erschuf

Alan Moore hat in Interviews wiederholt und zunehmend verzweifelt darauf hingewiesen, dass Rorschach eine Kritik ist, keineswegs Vorbild. Er sagte, dass ihn die Leser erschrecken, die Rorschach als Helden sehen, da sie beweisen, wie bereitwillig Menschen faschistische Rhetorik konsumieren, wenn sie in eine attraktive ästhetische Verpackung gehüllt ist. Rorschach sei ein gestörter Mensch, der schreckliche Dinge tut und sich dafür mit einer Philosophie rechtfertigt, die ihre eigene Beschränktheit für Überlegenheit hält, so Moore.

Und trotzdem: Moore erschuf eine faszinierende Figur. Er gab ihr eine Stimme, die von rauchiger, komprimierter Poesie geprägt ist. Er gab ihr einen Ursprung, der Mitgefühl erzwingt. Er gab ihr den einzigen Moment echter moralischer Integrität in Watchmen, den Moment, in dem sie sich weigert zu schweigen, obwohl das Schweigen Millionen Leben retten könnte.

Moore erschuf Rorschach als Warnung vor dem Faschismus der reinen Überzeugung, und dann gab er ihm die überzeugendste Stimme im Buch. Das nicht etwa ein Fehler. Das war das literaische Problem mit Rorschach.

Moore wollte zeigen, dass ein Mensch mit absoluten moralischen Überzeugungen gefährlich sein kann. Doch er tat dies mit so viel Empathie für die Entstehung dieser Überzeugungen und mit so viel ästhetischer Kraft in ihrer Ausdrucksweise, dass die Warnung für viele Leser zur Bewunderung wurde. Das ist eine Frage, die nicht nur Watchmen betrifft. Es ist die Frage, die sich jeder Autor stellen muss, der einen überzeugend erschreckenden Charakter erschafft: Was, wenn die Überzeugung stärker ist als der Schrecken?

Die Philosophie des Kompromisslosen — und ihr Preis

Rorschachs Weltanschauung ist in sich vollständig und konsistent. Demnach ist die Welt ein moralisches Schlachtfeld, auf dem es keine Unbeteiligten gibt. Wer einem Verbrechen zusieht, ohne einzugreifen, ist ebenfalls mitschuldig – diese Lehre zog er aus dem Genovese-Fall, und sie ist nicht falsch. Wer Verbrecher schützt, ist natürlich selbst ein Verbrecher. Wer Kompromisse mit dem Bösen macht, um ein größeres Gut zu erreichen, hat das Böse bereits akzeptiert.

Diese Position hat eine erschreckende Kohärenz. Und sie hat einen Preis, den Alan Moore explizit benennt: Um diese Welt in Schwarz und Weiß zu sehen, muss Walter Kovacs aufgehört haben, Menschen als Menschen zu sehen. Für ihn gibt es Prädatoren und Opfer, Schuld und Unschuld, aber keine Umstände, keine Geschichte, die das auflösen könnte, keine Komplexität, die dahinter steckt. Das ist die Vereinfachung, die einen Menschen in eine Maschine verwandelt.

Dave Gibbons hat das in ein visuelles System umgesetzt: Das strikte 9-Panel-Raster von Watchmen wird nur in wenigen Momenten durchbrochen. In den Panels, die Rorschach gehören, ist die Ordnung am strengsten – und am unerbittlichsten. Die Form, in der Rorschach existiert, ist so rigide wie sein Denken. Mit seiner Struktur sagt das Comic, was Moore mit seinem Text sagt: Dieser Geist kennt keine Ausbrüche, keine Freiräume, keine Gnade.

Er stirbt, weil er recht hat

Rorschachs Tod am Ende von Watchmen ist einer der durchdachtesten und bittersten Momente in der Geschichte des Mediums. Ozymandias hat einen Plan ausgeführt, durch den Millionen Menschen getötet wurden, um Milliarden zu retten – ein utilitaristisches Kalkül von apokalyptischem Ausmaß. Alle anderen Figuren akzeptieren diesen Kompromiss, schweigen und leben weiter. Rorschach jedoch weigert sich. Er wird sein Tagebuch veröffentlichen. Er wird die Wahrheit sagen. Er wird nicht schweigen, selbst wenn sein Schweigen die Welt retten würde.

Rorschach
Rorschach

Dr. Manhattan tötet ihn auf sein eigenes Verlangen hin. Rorschach verlangt seinen Tod, weil er weiß, dass er sonst nicht schweigen kann. Und er stirbt in dem einzigen Moment, in dem seine kompromisslose Moralität tatsächlich das Richtige zeigt: Er ist der Einzige, der nicht lügt. Er ist der Einzige, der die Konsequenz seiner Überzeugungen bis zum Ende trägt. Er ist der Einzige, der stirbt, weil er recht hat.

Moore gibt ihm diesen Tod nicht als Triumph. Er inszeniert ihn als Tragödie: Ein Mensch, dessen gebrochene Weltanschauung ihn unfähig gemacht hat zu leben, stirbt im einzigen Moment, in dem diese Weltanschauung moralisch korrekt ist. Das ist nicht etwa eine Verherrlichung. Es ist ein Requiem für die Kosten des Absoluten.

Vor den Masken — und was danach kam

DC veröffentlichte 2012 Before Watchmen, eine Serie von Prequel-Miniserien zu allen Watchmen-Figuren, einschließlich Rorschach. Moore war dagegen, lehnte jede Beteiligung ab und bezeichnete das Projekt als ethisch fragwürdig. Seine Position ist bekannt: Watchmen war ein abgeschlossenes Kunstwerk, und Fortsetzungen oder Prequels sind kommerzielle Ausbeutung ohne künstlerische Notwendigkeit.

Die Before Watchmen: Rorschach-Miniserie von Brian Azzarello und Lee Bermejo ist handwerklich solide und inhaltlich ohne Überraschung: Sie erzählt von einem jungen Walter Kovacs, der Verbrecher jagt, Gewalt ausübt, die Welt schwarz und weiß sieht. Es ist die Figur, die Moore erschuf, ohne den Kontext, der sie bedeutsam macht. Ein Rorschach ohne Watchmen ist ein Noir-Vigilant. Mit Watchmen ist er eine Frage über die Natur des Überzeugungssystems selbst.

Damon Lindelofs HBO-Serie Watchmen (2019) ist die mutigste und klügste Rezeption von Rorschach, die nach dem Original erschienen ist. Lindelof zeigt, was passiert, wenn Rorschachs Ideologie in die Hände weißer Rassisten fällt, die seine Maske als Symbol der „reinen” Wahrheit gegen eine multikulturelle Gesellschaft tragen. Dies ist die logische Konsequenz von Moores Warnung: Eine Ideologie der absoluten Überzeugung kann von jedem übernommen werden, der sich für den Träger der absoluten Wahrheit hält. Und das ist immer gefährlich.

Der Spiegel, der zurückschaut

Rorschach ist die wichtigste und produktivste Fehllektüre in der Geschichte des Superheldencomics. Dass die Figur als Held gelesen wird, obwohl sie als Warnung gemeint war, sagt mehr über das Genre und seine Leser aus als über die Figur selbst. Es zeigt, dass das Superheldengenre so sehr auf die Figur des kompromisslosen, moralisch überlegenen Einzelkämpfers konditioniert ist, dass diese Figur als Held wahrgenommen wird, selbst wenn der Autor alles tut, um sie als Symptom darzustellen.

In diesem Sinne ist Rorschachs Experiment gelungen, wenn auch nicht so, wie Moore sich das vorgestellt hatte. Er wollte die Ideologie enttarnen. Stattdessen enttarnte er die Lesenden. Wer Rorschach als Helden liest, gibt somit Auskunft über sich selbst. Das ist der Rorschach-Test, den das Comic durchführt: nicht mit symmetrischen Tintenklecksen, sondern mit einer Figur, die das Äußerste der menschlichen Überzeugung verkörpert, und mit der Frage, was man darin sieht.

Er stirbt im Schnee, und sein Tagebuch liegt in der Redaktion

Walter Kovacs nähte seine Maske aus dem Kleid eines ermordeten Kindes. Er trug sie bis zu seinem Tod. Er weigerte sich, sie abzunehmen, weil das Gesicht darunter ihm weniger wahr vorkam als das Muster, das sich im Stoff bewegte. Das ist die reinste Formulierung seiner Tragödie: Er glaubte, seine Maske sei sein wahres Gesicht.

Alan Moore und Dave Gibbons erschufen 1986 eine Figur, die das Genre in seinem Kern befragte, und das Genre antwortete, indem es die Frage ignorierte und die Figur adoptierte. Rorschach ist heute auf T-Shirts, auf Tattoos, in Avataren zu sehen. Er ist ein Symbol geworden, das sich von seiner Bedeutung gelöst hat. Das ist Moores Albtraum, und gleichzeitig der endgültige Beweis, dass er recht hatte: Die Muster bedeuten, was der Betrachter hineinlegt. Immer.

Das Tagebuch liegt in der Redaktion des New Frontiersman. Ob es je veröffentlicht wird, lässt Moore offen. Rorschach ist tot. Aber die Maske lebt weiter. Und sie schaut zurück.

. . .

Er sah die Welt in Schwarz und Weiß, und er hatte damit manchmal recht, und das war das Gefährlichste an ihm.

Nachtrag des Autors: Rorschach ist die Figur dieser gesamten Dokumentationsreihe, die mich am stärksten persönlich beschäftigt, weil das Rezeptionsproblem, das Moore mit ihr produzierte, eine Frage stellt, die weit über Comics hinausgeht: Was ist die Verantwortung eines Autors, der eine überzeugende Stimme für eine gefährliche Weltanschauung schreibt?

Moore hat Rorschach mit so viel Empathie für seine Herkunft ausgestattet, ihm eine so eindrucksvolle Stimme verliehen und ihm den einzigen Moment echter moralischer Konsequenz im gesamten Buch gegeben, dass die Warnung für Millionen Leser zur Bewunderung wurde. Das ist kein Scheitern Moores als Autor. Es ist ein Triumph, der ihn erschreckte. Die HBO-Serie von 2019 ist das einzige Nachfolgewerk, das diesen Schrecken ernst genommen und versucht hat, darauf zu antworten.

Die Maske schaut zurück. Das ist der Test. Und die Antworten sind selten schmeichelhaft.

Spawn – Gegen Himmel und Hölle

EIN TOTER SOLDAT kehrt aus der Hölle zurück

Spawn #1.
Von Todd McFarlane.

Die Ursprungsgeschichte von Spawn zeichnet sich durch eine Direktheit aus, die im Superhelden-Genre selten zu finden ist: Albert Francis Simmons, Elitesoldat und CIA-Auftragsmörder, wird von seinem eigenen Vorgesetzten ermordet. Er landet in der Hölle. Er schließt einen Pakt mit dem Teufel, genauer gesagt mit Malebolgia, einem Fürsten aus Dantes Inferno, und kehrt als Spawn mit einem lebenden, symbiotischen Necroplasma-Kostüm und einer schwindenden Energie-Reserve zurück zur Erde. Er wollte seine Frau Wanda wiedersehen. Doch er findet eine Welt vor, die fünf Jahre ohne ihn weitergegangen ist: Wanda hat inzwischen seinen besten Freund Terry geheiratet. Und sein eigenes Gesicht ist zu einer verbrannten Maske geworden.

Emotional betrachtet ist das keine Superheldengeschichte. Es ist eine Tragödie. Er ist ein Mann, der alles verloren hat, was ihn ausmachte: Beruf, Identität, Körper, Geliebte, Zukunft. Nun muss er mit den Resten seines Lebens zurechtkommen. In Interviews hat Todd McFarlane immer wieder betont, dass Spawn von Anfang an eine zutiefst persönliche Figur war: die Verkörperung des Gefühls, von einem System benutzt und weggeworfen zu werden. Als jemand, der jahrelang Spider-Man bei Marvel gezeichnet hatte, ohne angemessene Rechte und Anerkennung zu erhalten, kannte McFarlane dieses Gefühl aus erster Hand.

Die Biografie im Kostüm

TODD McFARLANE und die Revolution von 1992

Todd McFarlane autor, zeichner und verleger

Einer der einflussreichsten Comiczeichner seiner Generation. Sein Spider-Man-Run Ende der 1980er setzte neue Standards für dynamische Zeichensprache und verkaufte sich in Millionenauflage. 1992 gründete er mit sechs anderen Marvel-Starzeichnern Image Comics, und Spawn wurde das Symbol dieser Unabhängigkeitserklärung.

Die sieben Rebellen image comics mitbegründer 1992

McFarlane, Jim Lee, Rob Liefeld, Marc Silvestri, Erik Larsen, Jim Valentino, Whilce Portacio. Sieben der meistverkauften Zeichner Marvels verließen gleichzeitig den Verlag. Es war der größte kreative Exodus in der Geschichte des amerikanischen Comics, und er veränderte die Machtverhältnisse der Branche dauerhaft.

Todd McFarlane
Todd McFarlane

Was Todd McFarlane als Zeichner auszeichnete und Spawn sofort unverwechselbar machte, war sein Verhältnis zum Raum, oder vielmehr zu dessen Abwesenheit. McFarlanes Panels sind Schlachtfelder aus Tinte: Spawns Umhang, das ikonischste visuelle Element der Figur, scheint zu wachsen, zu leben und die Seiten mit einer Dynamik zu füllen, die kein physischer Stoff je erreichen könnte. Der Umhang ist tatsächlich ein eigenständiger Charakter. Er reagiert auf Spawns Emotionen, greift an, schützt und huscht als dunkle Welle durch Hintergassen. McFarlane hatte bei Spider-Man gelernt, Bewegung zu zeichnen. Bei Spawn ließ er den Stoff selbst denken.

Für das Verständnis der Figur ist es wichtig zu wissen, dass McFarlane in den frühen Jahren auch der Autor von Spawn war, bevor er Schreiber wie Frank Miller, Alan Moore, Dave Sim und Neil Gaiman für Gastausgaben einlud. Die frühen Spawn-Hefte haben eine emotionale Rauhheit, die von einem Zeichner stammt, der seine Geschichte zum ersten Mal in Worte fasst und dabei keine literarische Ausbildung hat. Das wirkt manchmal holprig. Es ist aber auch ehrlicher als alles, was ein professioneller Comicautor geschrieben hätte.

DIE REVOLUTION die die Branche veränderte

Image Comics bedeutete im Jahr 1992 eine tektonische Verschiebung auf dem amerikanischen Comicmarkt. Seit Jahrzehnten hatten Marvel und DC ein duopolistisches System betrieben, in dem Zeichner und Autoren die Rechte an ihren Figuren immer beim Verlag ließen – egal, wie erfolgreich sie waren. Jack Kirby hatte Captain America, die Fantastic Four und die New Gods erschaffen und starb, ohne dafür angemessen kompensiert worden zu sein. Bill Finger hatte Batman miterfunden und wurde jahrzehntelang nicht einmal namentlich genannt. Dieses verächtliche System war so fest etabliert, dass es als Naturgesetz galt.

Als McFarlane und seine sechs Mitstreiter Image Comics gründeten, war das Grundprinzip radikal einfach: Jeder Schöpfer behält die Rechte an dem, was er erschafft. Es gibt keinen Verlag, keine Firma, keinen Editor – die Figur gehört dem Menschen, der sie zeichnet. Spawn war das erste und lauteste Produkt dieses Prinzips. Und die Verkaufszahlen waren eine Antwort, die die Branche nicht ignorieren konnte: Spawn #1 verkaufte sich in einer Erstauflage von 1,7 Millionen Exemplaren. Es war die meistverkaufte Erstausgabe einer unabhängigen Comicserie in der Geschichte des Mediums.

Image Comics bewies 1992, dass Leser einer Figur (oder einem Kreativen) folgen, nicht einem Verlagsnamen. Das ist eine Erkenntnis, die den Markt bis heute prägt, und die ohne McFarlane und Spawn in dieser Deutlichkeit nie gemacht worden wäre.

DAS LEBENDE KOSTÜM als Hauptdarsteller

Spawn, Todd McFarlane
Von Todd McFarlane

In der Comicgeschichte gibt es wenige visuelle Elemente, die so unmittelbar mit einer Figur verbunden sind wie Spawns Umhang. Er ist ein Symbiont, ein lebendiges Wesen aus Necroplasma. Er reagiert auf Spawns Gedanken und Gefühle, greift an und verteidigt, kann sich in riesige Flügel entfalten oder zu einem schützenden Kokon zusammenziehen. McFarlane hat ihn stets so gezeichnet, als würde er im Wind einer anderen Welt wehen, in einer Kombination aus Schwere und Leichtigkeit, die physisch unmöglich, aber visuell unwiderstehlich ist.

Was dieser Umhang erzählerisch leistet, ist subtiler, als es auf den ersten Blick scheint. Spawn ist ein gebrochener Mann, ein ehemaliger Soldat ohne klare Mission, Identität oder Zukunft. Der Umhang verleiht ihm eine überwältigende Präsenz, während der Mensch darunter zerfällt. Dies ist die visuelle Artikulation eines klassischen Superhelden-Paradoxons: Die äußere Macht steht im umgekehrten Verhältnis zur inneren Zerrissenheit. Je imposanter der Umhang, desto verlorener der Mann darin.

Greg Capullo

ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE — und gegen beide

Spawn ist die theologisch ehrgeizigste Mainstream-Comicfigur, die das amerikanische Medium je hervorgebracht hat, und das will in einem Genre, das Doctor Strange, Etrigan und Phantom Stranger enthält, etwas heißen. Was Spawn von diesen Figuren unterscheidet, ist die Radikalität seiner moralischen Position: Er verweigert beiden Seiten des kosmischen Konflikts die Gefolgschaft.

Himmel und Hölle kämpfen in Spawns Universum um die Kontrolle über die Menschheit, und beide sind korrupt. Die Engel sind kalt, bürokratisch, bereit, Millionen zu opfern für einen strategischen Vorteil. Die Dämonen sind offensichtlich böse, aber wenigstens ehrlich, was ihre Natur betrifft. Spawn lehnt beide ab. Er ist ein Werkzeug der Hölle, das sich weigert, als Werkzeug zu funktionieren. Er kämpft für konkrete Menschen in konkreter Not, nicht für eine Seite, und schon gar nicht für eine Ideologie.

Diese Position hat eine philosophische Konsequenz, die McFarlane in den stärksten Phasen der Serie voll auslotet. Sind beide Seiten des kosmischen Konflikts unmoralisch, dann ist Moral keine Frage der Zugehörigkeit, sondern der individuellen Entscheidung. Spawn ist somit eine Figur des radikalen Individualismus, jedoch nicht des libertären, sondern des ethischen. Er entscheidet, was richtig ist, nach dem einzigen Maßstab, den er noch hat: dem, was er einst war, bevor das System ihn korrumpierte.

Spawn fragt das Genre: Was, wenn beide Seiten des Kampfes zwischen Gut und Böse unrecht haben? Was bleibt dann als Grundlage für eine Entscheidung, außer dem einzelnen Menschen und dem, was er liebt?

DER ERSTE SCHWARZE SUPERHELD im Mainstream-Rampenlicht

Al Simmons von Todd McFarlane
Al Simmons von Todd McFarlane

Al Simmons ist schwarzer Amerikaner, und das ist in der Geschichte des Superhelden-Comics von einer Bedeutung, die man nicht unterschätzen sollte. 1992, als Spawn erschien, gab es im Mainstream-Comic kaum schwarze Protagonisten in eigenen Serien. Black Panther existierte seit 1966, Blade seit 1973, aber beide lebten in den Randzonen des Verlagsbetriebs. Bei Spawn war es das erste Mal, dass ein schwarzer Superheld in einer eigenständigen Serie des Formats und der hohen Verkaufszahlen erschien, die McFarlane mit Image erreichte.

McFarlane hat in Interviews betont, dass die Entscheidung für Al Simmons‘ Identität bewusst und ohne große theoretische Rahmung getroffen wurde: Er wollte eine Figur erschaffen, die anders aussah als die weißen Helden des Mainstreams. Was er damit auslöste, war mehr, als er absehen konnte. Der Kinofilm von 1997 mit Michael Jai White war einer der ersten großen Superheldenfilme mit schwarzem Protagonisten, sechs Jahre vor Blade (1998) in seiner bekanntesten Form, neun Jahre vor dem schwarzen Superhelden als Massenphänomen.

ANGELA UND DIE GRENZEN des Creator Ownership

Angela, Spawn-Sonderheft
Angela im Spawn-Sonderheft. Gezeichnet von Greg Capullo

Die Geschichte von Neil Gaimans Beteiligung an Spawn ist eine der lehrreichsten und schmerzhaftesten Anekdoten der Comicgeschichte. Lehrreich, weil sie zeigt, dass selbst das System, das gegen Ausbeutung gegründet wurde, in Ausbeutung enden kann.

Gaiman schrieb 1993 Spawn #9 und erschuf dabei zwei Figuren: Medieval Spawn und Angela, eine Engeljägerin. Die Ausgabe war ein kritischer und kommerzieller Erfolg. Was folgte, war ein jahrelanger Rechtsstreit darüber, wem diese Figuren gehören. McFarlane war der Meinung, sie seien Bestandteil des Spawn-Universums und damit sein Eigentum; Gaiman argumentierte hingegen, er habe sie erschaffen und sein Recht daran gelte. Der Streit landete vor Gericht, endete in einem Vergleich, und Angela wanderte schließlich zu Marvel, wo sie heute als Thor-Schwester im Avengers-Universum existiert.

Die Ironie ist von einer Bitterkeit, die man sich kaum ausdenken könnte: Image Comics wurde gegründet, um genau diese Art von Konflikt zu verhindern, um sicherzustellen, dass Schöpfer die Rechte an ihren Figuren behalten. Dass ausgerechnet das erste große Creator-Ownership-Unternehmen des amerikanischen Comics einen solchen Rechtsstreit produzierte, ist das traurigste Kapitel in der Geschichte des Verlags.

KEITH DAVID, DUNKELHEIT und das beste Spawn-Produkt außerhalb des Comics

Keith David
Keith David

Die HBO-Animationsserie (1997–1999) ist in der langen Geschichte der Spawn-Adaptionen das einzige Produkt, das dem Comic in seinen besten Momenten ebenbürtig ist. Das liegt an einer Reihe von Entscheidungen, die heute fast mutig wirken. Die Serie war für ein erwachsenes Publikum konzipiert und machte keine Zugeständnisse an eine jugendliche Zuschauerschaft. Sie zeigte Gewalt, Prostitution, politische Korruption und religiöse Ambiguität mit einer Ernsthaftigkeit, die für das Animationsformat ungewöhnlich war.

Keith David als Stimme von Spawn ist eine Besetzung von fast erschreckender Richtigkeit. Davids Bass hat eine Schwere, die Trauer und Bedrohung zugleich ausdrückt. Er klingt wie jemand, der schon viel erlebt hat und trotzdem weitermacht, weil es niemand sonst tut. Es ist eine Stimmleistung, die die Figur über das visuelle Medium hinaus definiert hat.

Dass die Serie nach drei Staffeln endete und bis heute keine würdige Fortsetzung gefunden hat, ist ein Verlust für das Medium. McFarlane arbeitet seit Jahren an einem Neustart, einem düsteren, horrororientierten Spielfilm, der Spawn als Monster behandeln soll, nicht als Superhelden. Die Idee ist gut. Ob sie sich je realisiert, bleibt offen.

DAS SYMBOL einer Generation

Spawn ist das Produkt eines spezifischen Moments: 1992 stand die Comicbranche an einem Scheideweg; eine Generation von Zeichnern entschied, dass das alte System nicht mehr akzeptabel war, und das Publikum war inzwischen groß genug, um diese Entscheidung mit seiner Kaufkraft zu unterstützen. Dieser Moment ist zwar vorbei, seine Nachwirkungen sind es jedoch nicht. Image Comics existiert. Creator Ownership ist ein anerkanntes Prinzip. Schwarze Superhelden haben Kinofilme, Fernsehserien und eigene Universen.

All das begann nicht mit Spawn. Aber Spawn war das lauteste, sichtbarste, am meisten verkaufte Argument für alle diese Entwicklungen, ein Argument, das in Tinte geschrieben war und einen Umhang trug, der sich in Panels entfaltete wie ein Manifest.

DER SOLDAT der nie nach Hause kommt

Al Simmons wollte Wanda wiedersehen. Als er sie sah, wurde ihm klar, dass Wanda ohne ihn ein besseres Leben geführt hat als mit ihm. Das ist die eigentliche Tragödie von Spawn. McFarlane kehrt immer wieder zu ihr zurück, weil sie das ehrlichste Stück Schmerz in der gesamten Serie ist: der Moment, in dem man erkennt, dass die eigene Rückkehr kein Happy End, sondern eine Komplikation im Leben anderer ist.

Seither kämpft Spawn für Menschen, die ihn nicht kennen, in Gassen, die kein Held besucht, gegen Bedrohungen, die keinen Pressebericht wert sind. Das ist nun wirklich kein glamouröses Heldentum. Es ist das Heldentum eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, und der genau deshalb frei ist, um das Richtige zu tun.

Todd McFarlane erschuf 1992 eine Figur aus Wut, Verlust und dem Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Werk. Was er schuf, war mehr als das: ein Symbol für alle, die vom System verbrannt wurden und trotzdem weitermachen. Spawn trägt seinen Umhang noch immer. Der Umhang lebt.

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Er kam aus der Hölle zurück und erkannte, dass sich die Welt ohne ihn weitergedreht hatte. Seither dreht er sich mit, nach seinen eigenen Regeln.

Nachtrag des Autors: Spawn ist in dieser Reihe die erste Figur, die nicht aus dem Establishment kommt, nicht von DC, nicht von Marvel, nicht aus der langen Tradition der Superhelden-Verlage. Er ist ein Kind der Revolte, und das macht ihn zu einem anderen Ding als alle bisherigen Figuren dieser Dokumentation.

Was mich bei Spawn am tiefsten beschäftigt, ist die emotionale Grundwahrheit, die unter dem ganzen Höllen-Himmel-Spektakel liegt: Ein Mann wollte seine Frau wiedersehen. Das ist alles. Und dann hat er sie gesehen und festgestellt, dass sie ohne ihn glücklicher ist. Kein Held des Genres hat je mit einem so stillen, so unheroischen Herzensbruch begonnen. Und der Gaiman-Rechtsstreit bleibt das bitterste Kapitel: Das System, das gegen Ausbeutung gegründet wurde, produzierte seinen eigenen Ausbeutungsfall. Die Comicgeschichte liebt solche Ironien. Sie sind allerdings selten lustig für die Beteiligten.

Der Holzschnittmacher des Übernatürlichen: Mike Mignola

Berkeley und die Formung des inneren Auges

Mike Mignola wurde am 16. September 1960 in Berkeley, Kalifornien, geboren und wuchs in Oakland auf. Diese Weltgegend hat nichts mit den literarischen und kulturellen Koordinaten seines späteren Werkes zu tun, und ist gerade deshalb aufschlussreich. Das Gespenstische, das Mittelalterliche und die dunkle europäische Mythologie, die sein Werk so vollständig durchdringen, waren ein Akt der Abgrenzung. Sie entstanden in einem Kind, das sich durch Bücher und Bilder eine innere Welt erschuf, die sich grundlegend von der Außenwelt unterschied. Diese frühe Innerlichkeit bildet das Fundament für alles, was dann kommen sollte.

Seine künstlerische Sozialisation verlief über den amerikanischen Mainstream: Er studierte am California College of Arts and Crafts, war in den frühen 1980er-Jahren bei Marvel angestellt und arbeitete an Titeln wie Rocket Raccoon, Alpha Flight und später an Jack Kirbys Cosmic Boy. Diese frühe Karriere zeigt einen Zeichner, der sein Handwerk gerade lernt. Anatomie, Figurenkomposition, Seitenlayout. In diesen Jahren gab es noch keinen charakteristischen Stil. Der frühe Mignola ist kompetent aber uneinheitlich – ein Zeichner wie viele andere, die innerhalb der Konventionen des Genres arbeiten, ohne sie wesentlich zu erweitern.

Was Mignola von diesen Konventionen wegführte, war eine Entdeckung: das langsame Erkennen dessen, was ihn wirklich interessierte und wie es aussehen sollte. Diese Entdeckung betraf den Schatten als erzählerisches und philosophisches Prinzip. In den frühen 1990er-Jahren begann Mignola, seine Zeichentechnik radikal zu vereinfachen: Er verwendete weniger Linien, mehr Flächen und ließ Details bewusst im Dunkeln verschwinden. In jedem Zeichenlehrbuch wird dies als Informationsverlust beschrieben. Das Ergebnis war ein Stil, der im amerikanischen Comic keine Vorläufer und bis heute keine Nachfolger gefunden hat.

Der Stil als Weltanschauung

Bevor man Mignolas Werk inhaltlich analysiert, muss man seinen Zeichenstil als eigenständiges Prinzip verstehen, denn bei Mignola sind Form und Inhalt auf eine Weise verschmolzen, die im gesamten Comicmedium ohne wirkliche Parallele ist. Sein Stil ist keine Ausdrucksform für seine Ideen; er selbst ist die Idee.

Albrecht Dürer
Albrecht Dürer

Das Prinzip ist die radikale Reduktion: Mignola zeichnet nicht, was er sieht, sondern was das Auge unter extremen Bedingungen (wie Fackellicht, tiefe Nacht oder dem Schein einer einzelnen Glühbirne in einem feuchten Keller) gerade noch erkennen kann. Alle Details, die in diesem Licht verschwinden würden, verschwinden somit auch auf der Seite. Was bleibt, sind Silhouetten, harte Kanten und Flächen aus tiefem Schwarz sowie die wenigen Linien, die das Wesentliche einer Form definieren. Dabei ist das Ausdrucksstarke das Eigentliche: die Haltung eines Körpers, die Gestalt einer Drohung oder die Atmosphäre eines Ortes.

Die von Mignola entwickelte Bildsprache ist historisch tief verwurzelt: im deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts, in den Holzschnitten Albrecht Dürers und Hans Baldung Griens, in den Stichen Francisco Goyas sowie in der visuellen Kultur der mittelalterlichen Totentänze und Teufelsbücher. Diese Einflüsse sind weniger ornamental als strukturell. Mignola denkt in einer Bildsprache, die vor der Fotografie entstand, aus einer Zeit, in der die Darstellung des Übernatürlichen noch nicht durch den Realismus des Mediums gebrochen war. Diese Archaik verleiht seinem Werk eine Qualität, die der modernen Horrorliteratur häufig fehlt: die Überzeugungskraft des nicht vollständig Gezeigten.

Dave Stewart, der seit Beginn der Hellboy-Reihe als Kolorist mit Mignola zusammenarbeitet, ist in diesem Kontext als gleichberechtigter kreativer Partner zu verstehen. Stewarts Farbpalette – die tiefen Orangetöne des Fackelfeuers, die erdigen Ocker- und Umbrafarben der alten Gebäude sowie die Kühle des Himmels über verfallenen Landschaften – ist eine eigenständige ästhetische Leistung. Sie illustriert nicht etwa Mignolas Schwarzweiß-Grundstruktur, sondern hebt sie in eine dritte Dimension. Ohne Stewart sähe das Hellboy-Universum völlig anders aus. Diese Tatsache wird in der Rezeption noch immer zu selten gewürdigt.

Hellboy — Die Mythologie und ihr Held

Hellboy (Dark Horse Comics, ab 1993) ist das Werk, um das sich alles andere in Mignolas Schaffen organisiert, weil es in seiner konzeptionellen Anlage so vollständig ist, dass es als eigenständiges mythologisches System beschrieben werden muss.

BPRD
BPRD, Dark Horse Comics

Hellboy ist ein Dämon, der am Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Wissenschaftlern und Okkultisten aus einer anderen Dimension beschworen wurde. Er wurde von dem am Paranormalen interessierten Forscher Trevor Bruttenholm adoptiert und aufgezogen und ist nun als Agent des Bureau for Paranormal Research and Defense (BPRD) tätig. In ihrer Konstruktion ist die Figur ein Paradoxon: das Böse, das das Gute tut, weil es sich dafür entschieden hat – täglich, ohne Garantie, ohne metaphysische Absicherung. Diese Entscheidungsfreiheit bildet den moralischen Kern der gesamten Mythologie.

Zur moralischen Struktur der Hellboy-Mythologie

Hellboy ist ein Held, der sich weigert, das zu sein, wozu er gemacht wurde, und genau diese Weigerung ist es, die ihn täglich neu menschlich macht.

Hellboy Krampusnacht
Dark Horse Comic

Die mythologische Struktur, die Mignola um diese Figur aufgebaut hat, ist in ihrer Dichte und internen Kohärenz mit wenigen anderen Schöpfungen dieses Mediums vergleichbar. Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hat Mignola ein Universum entwickelt, in dem er germanische, slawische, keltische, englische und amerikanische Folklore mit Lovecraft’schem Kosmismus, apokryphen christlichen Texten, der Artuslegende sowie der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und seinen Okkultexperimenten verwebt. Dies gelingt ihm, ohne den Eindruck des Eklektizismus zu erwecken, da die Verbindungen stets auf einer tiefen Kenntnis der Quellen basieren und nicht auf oberflächlicher Aneignung.

Die von Mignola entwickelte narrative Methode ist ebenso ungewöhnlich wie seine Zeichentechnik: Anstatt fortlaufende Plots im Sinne des amerikanischen Seriencomics zu schreiben, kreiert er Episoden; abgeschlossene Begegnungen zwischen Hellboy und einer übernatürlichen Bedrohung. Diese besitzen jeweils ihre eigene innere Logik und sind gleichzeitig Bausteine einer übergeordneten mythologischen Erzählung, deren Konturen sich erst nach Jahrzehnten vollständig enthüllen. Diese Struktur ähnelt eher der japanischen Yōkai-Volksliteratur als dem amerikanischen Superheldencomic und verleiht dem Werk eine Zeitlosigkeit, die es aus dem Genre-Kontext heraushebt.

Das Universum — Expansion als Vertiefung

Das Hellboy-Universum ist im Laufe der Jahrzehnte zu einem der umfangreichsten und am kohärentesten konzipierten Comicuniversen außerhalb der großen Verlagshäuser geworden – durch Ableger-Serien wie BPRD, Lobster Johnson, Abe Sapien, Sir Edward Grey: Witchfinder und zahlreiche weitere Titel, die meist unter Beteiligung anderer Autoren und Zeichner entstanden sind. Diese Expansion ist das comichistorisch interessanteste strukturelle Merkmal von Mignolas Schöpfung. Sie ist auf eine Weise gelungen, die im Comicmedium äußerst selten ist.

Hellboy in Hell
Hellboy in Hell; Dark Horse Comics

Die meisten unabhängigen Comicuniversen scheitern an der Expansion: Entweder gibt der ursprüngliche Schöpfer die Kontrolle ab, wodurch das Universum verwässert wird, oder er behält die Kontrolle, was die Expansion verhindert. Mignola hat einen dritten Weg gefunden. Er arbeitet eng mit Autoren wie John Arcudi und später Scott Allie und Mike Norton zusammen. Diese haben seine Mythologie so gründlich verinnerlicht, dass sie sie erweitern können, ohne ihre Integrität zu gefährden. Die BPRD-Serie, die hauptsächlich von Arcudi geschrieben wurde, ist in ihrer Qualität über lange Strecken gleichwertig mit den Hellboy-Hauptbänden – ein Zeichen dafür, dass Mignola als Weltenbauer großzügiger und offener ist als die meisten seiner Kollegen.

Diese Großzügigkeit hat jedoch Grenzen. Den zeichnerischen Stil seines Hauptwerks lässt Mignola nicht an andere delegieren. Alles, was unter seinem Namen erscheint, ist seine eigene Arbeit. Diese Entscheidung begrenzt zwar die Produktionsrate, schützt aber die ästhetische Integrität des Werkes.

Die Entscheidung, das Hellboy-Hauptwerk mit Hellboy in Hell (2012–2016) langsam abzuschließen, ist eine der mutigsten in der neueren Comicgeschichte. Der letzte Hauptband führt Hellboys Geschichte zu einem mythologisch vollständigen und emotional erschütternden Ende. Mignola hätte die Figur endlos fortsetzen können, und der Markt hätte es belohnt. Stattdessen gab er der Figur einen Tod und ein Nachleben, wodurch das Gesamtwerk retrospektiv in ein anderes Licht getaucht wird. Hellboy in Hell ist also nicht die Fortsetzung aller vorherigen Bände, sondern ihre Deutung – die Offenbarung dessen, was die Geschichte die ganze Zeit über gewesen ist.

Lovecraft, Folklore und die Theologie des Fremden

Mignolas Verhältnis zu H.P. Lovecraft ist eines der produktivsten und zugleich kritischsten in der Geschichte der Pulp-Mythologie. Lovecraft ist die offensichtlichste literarische Referenz des Hellboy-Universums: der kosmische Horror, die uralten Götter, die Überzeugung, dass das Universum keine menschliche Bedeutung kennt und dass das Wissen um diese Bedeutungslosigkeit das gesunde Fundament des Menschen zerstört. Diese Grundstruktur ist im Hellboy-Kosmos allgegenwärtig.

H.P. Lovecraft
H.P. Lovecraft

Aber Mignola übernimmt Lovecraft nicht, er korrigiert ihn. In Lovecrafts Mythos ist der Mensch den alten Kräften vollständig ohnmächtig ausgeliefert: Erkenntnis führt zum Wahnsinn, Begegnung bedeutet den Tod und Widerstand ist eine Illusion. Mignola behält die kosmische Skala des Bösen bei, gibt den Menschen aber eine Handlungsmöglichkeit zurück: durch Entscheidung, durch Charakter, durch die Weigerung, die Kapitulation als unausweichlich zu akzeptieren. Hellboy kämpft gegen Dinge, die er nicht besiegen kann. Er schlägt sie trotzdem. Diese Geste ist eine Aussage über den Wert der Handlung jenseits ihrer Erfolgsaussichten.

Ebenso bedeutsam ist die folkloristische Dimension des Werkes. Mignola ist ein ernsthafter Leser von Märchen, Sagen und volkstümlichen Überlieferungen und behandelt dieses Material mit einer Ehrerbietigkeit, die es von bloßer Dekoration unterscheidet. Die russischen Baba-Yaga-Geschichten in den frühen Hellboy-Bänden, die englischen Feen-Überlieferungen in späteren Episoden und die germanischen Weltuntergangsmythen als Grundstruktur der apokalyptischen Handlungsbögen sind das Ergebnis akribischer Recherche. Mignola studiert das Urmaterial, durchdringt seine innere Logik und arbeitet es dann in seinen Kontext ein. Das verleiht seinem Werk die Konsistenz eines Autors, der weiß, womit er arbeitet.

Die Philosophie — Stille, Einsamkeit und das Prinzip der Auslassung

Unter den Autoren dieser Essay-Reihe ist Mignola derjenige, dessen Philosophie am weitesten von der Öffentlichkeit entfernt formuliert wird. Er gibt selten Interviews, schreibt keine theoretischen Aufsätze und erklärt sein Werk nicht. Diese Zurückhaltung ist die konsequente Entsprechung seines ästhetischen Grundprinzips: Was nicht gezeigt werden muss, wird nicht gezeigt. Was nicht gesagt werden muss, wird nicht gesagt.

Das Prinzip der Auslassung, das Mignolas Zeichenstil definiert, gilt auch für seine Erzählweise und seine öffentliche Haltung. Seine Comics erzählen nie mehr als nötig. Die Dialoge sind knapp und bestehen oft aus lapidaren, einzeiligen Antworten auf komplexe Bedrohungen. Innere Monologe fehlen fast vollständig. Hellboy denkt nicht laut nach, erklärt sich nicht und kommentiert nicht. Was er fühlt, zeigt Mignola durch die Haltung seiner Figuren: durch die Art, wie eine Schulter hängt, durch die Positionierung der Figur im Raum oder das Verhältnis zwischen Figur und Dunkelheit im Hintergrund.

Diese Poetik der Auslassung hat eine spezifische Wirkung auf die Lesenden: Sie aktiviert eine Imagination, die ausführlichere Werke häufig lahmlegen. Weil Mignola nicht zeigt, was im Schatten ist, erschafft der Leser es selbst, und das Selbsterschaffene ist stets beängstigender als das Gezeigte. Dies ist die älteste Technik der Horrorliteratur und kein Comiczeichner des modernen Zeitalters hat sie konsequenter angewendet.

Mignola ist außerdem der einzige Autor dieser Reihe, dessen Werk keine erkennbare politische Dimension besitzt. Seine Themen liegen tiefer: im Eschatologischen, im Mythologischen, im Existenziellen. Hellboys Kampf gegen das Böse ist nicht auf zeitgenössische Verhältnisse zu beziehen. Er ist archetypisch, er handelt von der Frage, wie ein Wesen, das zu etwas bestimmt wurde, das es nicht sein will, mit dieser Spannung lebt, jeden Tag, ohne dass es eine Auflösung gibt.

Erbe — Das Einmalige und das Unnachahmliche

Mike Mignola ist unter den Autoren dieser Essay-Reihe der am schwersten einzuordnende, da er am vollständigsten außerhalb des Feldes operiert, innerhalb dessen die anderen verglichen werden können. Alan Moore, Grant Morrison, Frank Miller, Garth Ennis, Tom King, Scott Snyder und Brian Michael Bendis stehen alle in einer erkennbaren Tradition des amerikanischen Autorencomics. Sie kommentieren und reagieren aufeinander und sind Teil eines Gesprächs. Mignola führt dieses Gespräch jedoch nicht. Er sitzt in einem anderen Zimmer und zeichnet Dinge, die er im Fackellicht gesehen hat.

Diese Isolation ist seine Stärke und macht seinen Einfluss paradoxerweise schwerer messbar als den seiner einflussreicheren Kollegen. Mignola hat Hunderte von Zeichnern beeinflusst. Sein Stil ist einer der meistimitierten im gesamten Alternativcomic der letzten dreißig Jahre, aber er hat keine Schule gegründet, da sein Stil sich nicht im handwerklichen Sinne lehren lässt. Man kann lernen, schwarze Flächen zu setzen. Aber man kann nicht lernen, warum sie an dieser Stelle, in diesem Moment, diese Wirkung haben. Dieses Warum ist das Ergebnis von dreißig Jahren tiefer, obsessiver Beschäftigung mit einer ganz bestimmten Bildwelt.

Was bleibt, ist ein Werk von seltener innerer Konsistenz: dreißig Jahre Zeichenarbeit, die sich vertieft, ein Universum, das mit jedem Band dichter und kohärenter wird, statt sich zu verwässern, und eine Figur, die über all die Jahre derselbe Mensch geblieben ist, weil ihr Schöpfer genau weiß, wer sie ist. Hellboy ist das vollständigste Werk, das der alternative Comic der letzten vier Jahrzehnte hervorgebracht hat – nicht das einflussreichste, nicht das formrevolutionärste und auch nicht das politisch wichtigste. Aber es ist das vollständigste Werk: das Werk, das am genauesten das ist, was es sein wollte, und das am wenigsten von dem ist, was es nicht sein wollte. In einem Medium, das chronisch von Kompromissen und Kontinuitätszwängen geprägt ist, ist das eine außerordentliche Leistung.